Methoden & Werkzeuge

Soziodrama: eine vollkommen andere Art einen Workshop zu „moderieren“

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Jörg Jelden

Lesedauer 9 Minuten

Ende letzten Jahres bin ich über das Soziodrama gestolpert – eine Methode, mit der Du Gruppenzusammenkünfte anders leiten kannst. Beim Soziodrama werden die Erlebnisse und Erfahrungen der Gruppe und der Teilnehmer vor den kognitiven Diskurs gestellt. Statt Diskussionen zu versachlichen wie bei klassischen Workshops geht es darum, Teilnehmer emotional tiefer in bestimmte Themen eintauchen zu lassen. Das Soziodrama bewegt sich irgendwo zwischen Live-Rollenspiel, Impro-Theater und Struktur-Aufstellungen – und ist zugleich älter als diese Formen. Ich habe das Soziodrama einmal in Abgrenzung zu klassischen Workshops definiert. Bevor ich die 5 Unterschiede heraus arbeite, sage ich einleitend etwas zum Ursprung des Soziodramas und wie ich dazu gekommen bin.


Wie ich darüber gestolpert bin

Letztlich gibt es vier Fäden, die hier zusammenlaufen. Zum einen bin ich seit dem Schnupperkurs im Betahaus vom Impro-Theater fasziniert, weil man darüber so schnell Energie wieder zurückholen kann. Aber mehr als Energizer für Workshops hatte ich dabei bislang nicht im Sinn.

Zum anderen habe ich im letzten Jahr für den Good School Digital Transformation Club  eine Strukturaufstellung konzipiert und moderiert. Das war eines meiner Highlights 2017. Aber an Aufstellungen stört mich, dass es eine Person braucht, die aufstellt und sich damit exponiert. Das halte ich für die Arbeit in Organisationen nicht immer für geeignet. In einem seiner Videos verweist Matthias Varga von Kibed auf das verwandte Gebiet des szenisch-darstellerischen Arbeitens – und meine Neugier war geweckt.

Über Theory U von Otto Scharmer bin ich zudem mit dem Social Presencing Theater von Arawana Hayashi in Kontakt gekommen. Zu guter Letzt habe ich auf einer Hochzeit Stefan Deutsch kennengelernt, einen Game-Designer für Live-Rollenspiele. Irgendwie schien sich alles zu verdichten, als ich das Soziodrama entdeckte.

Struktur-Aufstellung Digital Transformation Club
Strukturaufstellung zum Thema Digitale Transformation an der Good School

Was ist ein Soziodrama?

Soziodrama ist eine szenisch-darstellerische Methode, um gemeinsam mit anderen Gruppen- und Gesellschaftsthemen zu explorieren. Für das jeweilige Thema werden Szenen entwickelt. Die Szenen werden mit den notwendigen Rollen ausgestattet und dann gilt es, die Interaktion der Rollen in der Szene zu spielen. In einem Soziodrama, an dem ich kürzlich an der Soziodrama-Akademie teilgenommen habe, hatten wir das Thema „Teams, die an ihr Ende kommen“. Das Thema wurde über eine Szene bearbeitet, in der ein Team darauf wartet, dass große Umbrüche im Unternehmen verkündet werden. Und als Rollen waren der CEO, ein Banker, vier Teammitglieder und zwei Familienangehörige vorgegeben.

Statt einem Diskurs erleben und erfahren die Teilnehmer ein Thema in Aktion. Dabei geht es nicht so sehr um gutes Theater, sondern um besagte Erlebnisse und Erfahrungen für die Teilnehmenden.

Und wer hat das erfunden?

Die Methode wurde seit den 1920er Jahren von Jacob Moreno entwickelt, der auch als Vater des Psychodramas bekannt geworden ist. Das Psychodrama ist vor allem im therapeutischen Kontext verbreitet. Es geht beim Psychodrama um die Bearbeitung individueller Themen, Probleme und Fragestellungen in einer Gruppe. Im Gegensatz dazu behandelt das Soziodrama gesellschaftliche oder Gruppenthemen in einer Gruppe. Da die soziodramatische Arbeit nicht in einen therapeutischen Kontext eingebunden ist und Moreno sich eher mit dem Psychodrama beschäftigt hat, ist das Soziodrama als Methode vergleichsweise unbekannt, aber auch viel freier in der Anwendung als das Psychodrama.

Soziodrama vs Workshop

Die 5 wichtigsten Unterschiede zwischen einem Soziodrama und einem konventionellen Workshop

Da wir das Soziodrama oder soziodramatische Elemente in Offsites mit Führungskräften und Teams nutzen wollen, habe ich mal die zentralen Merkmale des Soziodramas in Abgrenzung zu klassischen Workshops formuliert. Zwar folgen die wenigsten unserer Workshops diesen klassischen Workshop-Regeln und wir haben in unserer Praxis schon einige soziodramatische Methoden ähnlich genutzt. Über die Abgrenzung soll aber klarer werden, was genau ein Soziodrama ist und wie es im Wesentlichen funktioniert.

Unterschied 1: Warm-Ups sind mehr als lustige Energizer

Viele klassische Workshops verzichten ganz auf Energizer oder setzen sie nur zur Auflockerung ein: zum Start eines Workshops, zum Ende, oder um die Teilnehmer aus dem Mittagsloch zu holen. Meistens gibt es nur eine Übung, die mit dem inhaltlichen Arbeiten eher lose gekoppelt ist. Wir sind schon lange begeistert von Energizern und versuchen diese immer auch inhaltlich zu verknüpfen. Was ich dann bei meinem ersten Soziodrama erlebte war trotzdem ganz anders!

Dr. Ron Wiener, der wohl bekannteste Soziodramatiker in Europa, führte uns beim Soziodrama “A World Gone Mad” beispielsweise durch eine Kette von fünf Warm-Ups. Jedes Warm-Up hatte eine bestimmte Intention und Funktion.

Übungen Intentionen & Funktionen
„Geht zu zweit durch den Raum und stellt Euch vor, dass es sich um eine Galerie handelt, in der alles mit einer Intention steht“
  • Mit dem Raum vertraut machen
  • auf Details achten
  • sich bewegen
„Tut Euch zu zweit zusammen. Eine Person hält die Hand mit etwas Abstand vor das Gesicht der anderen Person und beginnt diese zu bewegen. Die zweite Person muss immer den gleichen Abstand einhalten und der Hand folgen.“ (Augusto Boals kolumbianische Hypnose)
  • Im Hier und Jetzt ankommen
  • den eigenen Körper nutzen
  • Führen und Folgen
„Zu zweit spielt ihr zwei Freunde, die sich lange nicht gesehen haben und die sich in einer Fantasiesprache unterhalten“
  • Kreativität wecken
  • Mimik, Gestik und Stimme nutzen
  • ins spontane Spiel kommen
„Schlüpft in die Rolle von etwas, dass es schon jahrhundertelang gibt und interviewt Euch gegenseitig“
  • Mit Rollen und Rollenspiel vertraut machen
  • Eine andere zeitliche Perspektive einnehmen
„Steigt in Eure erste Rolle für das Spiel ein und vertieft die Rolle im gegenseitigen Gespräch“
  • Vorbereitung der Rollen auf das soziodramatische Spiel

Das Warm-Up ist die erste der drei Phasen des Soziodramas. Ohne ein gutes Warm-Up können Teilnehmer nicht tief genug in Themen und Rollen eintauchen und das Spiel bleibt zu oberflächlich.

Soziodrama Schuhe

Unterschied 2: Teilnehmer agieren in Rollen – und nicht als sie selbst

Die zweite Phase ist das soziodramatische Spiel. Hier schaffen und spielen die Teilnehmer Rollen, die notwendig sind, um das Thema mit seinen Fragestellungen und Dynamiken zu erkunden. Während des Spiels bleiben die Spieler in den Rollen und handeln aus deren Eigenlogiken heraus (As-if). Man spricht z.B. aus seiner Rolle aus der Ich-Perspektive. Je nach Tiefe der benötigten Rolle versuchen die Teilnehmerinnen die Körperhaltung ihrer Rolle einzunehmen und deren Emotionen zu übernehmen. Sie machen sich Gedanken zu ihrer Hintergrundgeschichte. Eine Rolle muss nicht notwendigerweise menschlich sein. Bei meinem ersten Soziodrama “A World Gone Mad” war ich erst eine nationale Grenze und später “Unsicherheit”. Es war erstaunlich, wie gut das geht – wenn man aufgewärmt ist.

Durch das Übernehmen von (verschiedenen) Rollen tauchen Teilnehmerinnen auch emotional tief ein. Sie erleben und erfahren, wie es ist, in fremden Schuhen durch die Welt zu laufen, und wie es sich in dieser Rolle anfühlt. Sie erweitern ihr Rollenrepertoire – also die Vielzahl verschiedener Rollen, die einem vertraut sind. Allein das größere Rollenrepertoire führt bei vielen Teilnehmern zur Erkenntnis neuer Lösungswege, die man bisher nicht gesehen oder für möglich gehalten hat. Soziodrama setzt also Erlebnisse und Erfahrungen vor den kognitiven Diskurs und Emotionalisierung über Rollen vor die Versachlichung der Diskussion.

Unterschied 3: Stühle sind nicht allein zum Sitzen da

Klassische Workshops fordern den Teilnehmern viel Sitzfleisch ab, und die Frage nach der Art der Bestuhlung hat eine strategische Dimension. Im Soziodrama wird viel mehr in Aktion gemacht. Gleichwohl haben Stühle auch eine besondere Bedeutung. Stühle sind quasi die Standard-Requisite des Soziodramas. Es kommt regelmäßig vor, dass Teilnehmer weitere Rollen kreieren, aus einer Rolle gehen oder sich für eine wichtige Rolle kein Spieler findet. Hier helfen Stühle – sie halten Rollen, geben Rollen eine Position und Richtung im Raum und können Platzhalter für unbesetzte Rollen sein.

Soziodrama
Nachgestelltes Set-Up eines Soziodramas an der Soziodrama-Akademie zum Thema: „Teams, die an ihr Ende kommen“

Unterschied 4: Regie führen statt zu moderieren

Als Moderator setze ich Themen, definiere die Länge verschiedener Diskussions-Slots, wähle die passende Frage plus Bearbeitungsform aus und bereite das entsprechende Material vor. Ich bin Berater, Mediator und Entertainer. Im Diskurs interveniere ich dann hauptsächlich über Fragen und manchmal auch über Konfrontationen.

Beim Soziodrama dagegen bin ich ein Live-Regisseur. Das heißt, ich entwickle eine Szene, fülle sie mit den notwendigen Rollen und steuere dann das Spielgeschehen und die Dynamik. Ich achte auf die Energie im Raum und darauf, dass das Spiel nicht zu stark vom Thema abweicht. An mir ist es auch, das Spiel zu beenden, wenn die Geschichte oder die Gruppen-Energie ans Ende gerät. Als Live-Regisseur darf ich das Spiel aber auch nicht stören, z.B. indem ich es verbal oder non-verbal kommentiere oder zu stark eingreife.

Unterschied 5: Anweisen statt Fragen

Im Gegensatz zu den verschiedenen Frage- und Bewertungstechniken eines klassischen Workshops mit seinen Zuruf- und Kartenfragen, Thesen und Bewertungen, brauche ich als Live-Regisseur andere Werkzeuge. Um ins Spielgeschehen einzugreifen, gibt es unzählige Möglichkeiten. Im Folgenden stelle ich kurz die Basisinterventionen des Soziodramas vor sowie beispielhaft ein paar weitere Eingriffsmöglichkeiten.

Pausieren: ich pausiere das Spiel, um eine Anweisung zu geben.

Doppeln: ein Teilnehmer stellt sich schräg hinter die Person in Rolle und spricht das Unausgesprochene aus. Das muss nicht zwingend etwas sein, dass diese Person gerade denkt. Es kann auch etwas sein, dass die Person denken könnte. Doppeln kann auf Anweisung erfolgen oder auch Teil des normalen Spiels sein, um Gedanken auszudrücken.

Rollentausch: als Regisseur kann es sehr ergiebig sein, Teilnehmer zu bitten, ihre Rollen zu tauschen. Wenn ich zum Beispiel dominantere und stillere Personen die Rollen tauschen lasse, wird das Spiel eine andere Richtung erhalten und neue Impulse bekommen.

Statuen: die Arbeit mit Statuen ist einer Struktur-Aufstellung oder dem Social Presencing Theater (siehe Video) sehr ähnlich. Teilnehmer positionieren sich Raum, im Verhältnis zueinander und nehmen dabei eine Pose an, die ihre Rolle zum Ausdruck bringt. Über Statuen kann man z.B. gut Systeme erkennbar machen und aufzeigen, was gestaltbar ist und was nicht. Statuen lassen sich selbstverständlich auch irgendwann in Bewegung bringen.

Rolleninterviews: Um Teilnehmern zu helfen, Rollen zu vertiefen, kann ich Interviews führen. Ich frage z.B. nach einem Namen, einem Ort, nach dem Kontext der Person, Vorlieben, Abneigungen, Erfahrungen oder was gerade notwendig ist, um ein tieferes Rollenverständnis zu entwickeln. Auch die Fragen aus der Character Map passen gut, um zu mehr Rollentiefe zu gelangen. Während des Spiels kann ich zudem über Rolleninterviews, Schlaglichter auf einzelne Rollen und Thematiken legen oder Teilnehmer neu involvieren.

Sonstige Eingriffsmöglichkeiten: Darüberhinaus gibt es unzählige weitere Möglichkeiten das Spielgeschehen zu lenken. Ich kann die Teilnehmer bitten das Spiel möglichst groß (größere Gesten, lautere Stimmen, mehr Raum,…) zu machen oder inhaltlich zu übertreiben, oder ohne Worte fortführen zu lassen. Ich kann um neue Rollen bitten oder einen leeren Stuhl mit einem Thema als Projektionsfläche platzieren. Ich kann zeitlich variieren und die Teilnehmer an den Anfang einer Szene, in die Vergangenheit oder in eine mögliche Zukunft platzieren. Nur eins sollte ich nicht tun: selbst in eine Rolle schlüpfen.

Am Ende geht es aber nicht darum, ein gutes und unterhaltsames Spiel zu entwickeln, sondern der Gruppe zu helfen, ihr Thema voranzubringen.

Was klassische Workshops und Soziodrama verbindet

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten zwischen einem klassischen Workshop und einem Soziodrama. Ein Soziodrama endet mit dem sogenannten Sharing. Teilnehmer berichten über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse aus ihren Rollen, über vergleichbare Erfahrungen in ihrem Leben. Sie ziehen Schlüsse und können an dieser Stelle auch Entscheidungen treffen, Aktivitäten beschließen. Das Sharing ist der post-rationalisierende Diskurs des Erlebten und Erfahrenen. Das kann allein, in Kleingruppen oder im Plenum erfolgen. Man kann die Äußerungen an Postern mitvisualisieren (oder darauf verzichten).

Aus der Analyse von Spielphasen kommend haben Chris Caswell und Julian Kea einen schönen Ansatz für das Sharing entwickelt. Zum Debriefing Cube geht es hier.

Soziodra
Stuhlkreis für das Sharing bei „A World Gone Mad“

Soziodramatische Techniken in Workshops nutzen

Natürlich ist es auch möglich Elemente des Soziodramas in Workshops zu nutzen. Das haben wir auch schon gemacht. So haben wir bei einem Vortrag z.B. ausgewählte Teilnehmer vorab in Rollen schlüpfen lassen und sie den Vortrag aus dieser bestimmten Stakeholder-Rolle heraus hören lassen. Anschließend wurden sie dann von den übrigen Zuhörern in Rollen-Interviews zu ihren Eindrücken interviewt. In einem anderen Fall haben wir die Teilnehmer eines Meetings in die Rollen von zentralen Stakeholdern schlüpfen lassen. Über Rollen-Interviews und Doppeln haben wir dann gut herausbekommen, was diese nicht-anwesenden Akteure wohl bewegen mag. Die große Schwierigkeit beim Arbeiten mit soziodramatischen Techniken ist das Aufwärmen. Man muss es irgendwie schaffen, Workshop-Teilnehmer schnell in eine Art Minispiel zu bringen und das Warm-Up muss im Verhältnis zur Spielzeit stehen.

Fazit

Das Soziodrama bietet einen Werkzeugkasten, um anders mit Gruppen zu arbeiten. Dieser Werkzeugkasten ist nicht besser oder schlechter als der des klassischen Workshops, sondern bietet schlicht andere Werkzeuge. Während klassische Workshops ergebnisorientiert, rational und reich an niedergeschriebenen Resultaten sind, steht beim Soziodrama etwas anderes im Vordergrund. Du führst Gruppen nicht über den kognitiven Diskurs, sondern über die Erlebnisse und Erfahrungen eines szenischen Spiels. So können Teilnehmer emotional tiefer eintauchen und Themen erleben und erfahren. Über diese Erlebnisse und Erfahrungen kommt man dann auch zu gemeinsamen Erkenntnissen.

Mit so einem neuen, mächtigen Werkzeugkasten muss man sich natürlich erst einmal gründlich vertraut machen. Ich habe mich auf den Weg zum Soziodrama-Leiter gemacht und besuche gerade regelmäßig die Soziodrama-Akademie in Berlin. Ich habe erste Leitungserfahrungen gemacht und soziodramatische Techniken in Workshops eingesetzt.

Aktuell sind wir auf der Suche nach weiteren Einsätzen für diese tolle Methode und das neue Arbeiten. Sprecht uns dazu gern an.

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Weiterführende Links und Lese-Tipps:

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