Methoden & Werkzeuge

Mit Struktur-Aufstellungen an Mental Models der digitalen Transformation herankommen

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Jörg Jelden

Lesedauer 6 Minuten

Viele unserer Entscheidungen basieren auf Überzeugungen und Vorstellungen, die nicht mehr hinterfragt werden und an die man ohne tiefes Bohren auch nicht herankommt. Solche verfestigten inneren Bilder, auch Mental Models genannt, faszinieren mich schon seit Langem. Als Zukunftsforscher war es eine meiner Hauptaufgaben solche inneren Bilder ins Wanken zu bringen, damit Entscheider in ihren Organisationen breiter über Zukunft nachdenken können. Als Berater in Strategie-, Innovations- oder Organisationsdesigns-Projekten bin ich heute bemüht, diese verfestigten Annahmen und Hypothesen zu hinterfragen, um mehr Gestaltungsoptionen zu erschließen. Ich möchte Euch heute ein Tool vorstellen, mit dem man auf schnelle und lockere Art an solche Mental Models herankommt: Struktur-Aufstellungen.

Wie ich Aufstellungen neu entdeckt habe

Aufstellungen sind für uns natürlich ein total gängiges Werkzeug. Allerdings nutzen wir in der Regel soziometrische Anordnungen im Raum. D.h. Teilnehmer stellen sich nach Alter, Unternehmenszugehörigkeit oder der Reise-Distanz ihres nächsten Urlaubs auf. Bei den Aufstellungen, um die es in diesem Artikel geht, schlüpfen die Teilnehmer in eine bestimmte Rolle. Sie nehmen die Sicht von Akteuren ein oder repräsentieren Kräfte eines Feldes. Darüber bekommen sie  einen anderen Zugang zu einem Team, ihrer Organisation oder einem Thema.

Der Digital Transformation Club

Konkret habe ich tolle neue Aufstellungen über meine Mitwirkung beim Digital Transformation Club der Good School gemacht. Wer sich fragt, was dass denn nun wieder für ein Club ist: Der DTC ist eine Lerncommunity für Digitalverantwortliche, die ich für die und mit der Good School in den letzten Monaten konzipiert habe und moderiere. Die Teilnehmer kommen für drei Module a drei Tagen zusammen, um sich auszutauschen, gegenseitig ihre eigenen Themen zu bearbeiten und spannenden Input zu bekommen. Die Arbeit mit jeweils einem Dutzend Experten und ebenso vielen Digitalverantwortlichen aus Unternehmen macht wahnsinnig Spaß und hat mich sehr inspiriert. Das Thema Aufstellungen kam gleich mehrmals ganz unterschiedlich zum Einsatz und hat den Teilnehmer sehr geholfen, tief in das Thema einzusteigen.

1. Persona-Aufstellung

Persona-Aufstellungen sind eine schöne Möglichkeit, sich schnell Zielgruppen zu erschließen. Im Digital Transformation Club hat Caspar Siebel diese Aufstellung im Rahmen einer Design Thinking Session gemacht. Caspar hat einen Teilnehmer gebeten, eine Zielgruppe für seinen Fall zu nennen und ihn in die Rolle dieser Persona schlüpfen zu lassen. In unserem Fall war das eine Café-Besitzerin.

Dann hat Caspar gefragt, was der Café-Besitzerin wohl wichtig ist. Alle Teilnehmer des DTC haben sich etwas überlegt. Es kamen Nennungen wie „Kaffee“, „Kunden“, „Gewinn“,„Barista“ …  Jede Teilnehmerin hat dann eine Nennung verkörpert. Caspar fragte den Café-Besitzer, wie wichtig ihm das Thema wohl sei? Und wie wichtig im Verhältnis zu anderen vorhandenen Elementen. Alles was wichtig war, wurde nah an ihn heran gestellt. Zudem hat er gefragt, wie die verschiedenen Items zueinander stehen in Bezug auf Wichtigkeit. Nach und nach kamen viele wichtige und unwichtige Dinge zusammen und wir hatten sehr schnell ein erstes grobes Bild, wie wir uns die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse vorstellen. Das war eine klasse Sache, um schnell erste Hypothesen für die Persona-Bildung zu entwickeln.

Persona-Aufstellung

2. Haufe-Quadrant

Stephan Grabmeier hat vier Teilnehmer im Haufe-Quadranten aufgestellt und die übrigen Teilnehmer beobachten und zuhören lassen. Der Haufe-Quadrant ist ein Tool, das vier Unternehmenskulturen aufzeigt und hilft, sich und sein Unternehmen besser zu verorten. Da Stephan zu dem Thema einen Gastbeitrag bei uns schreiben wird, führe ich das Thema hier nicht weiter aus.

3. Struktur-Aufstellung

Im Modul „Organisation“ habe ich mit den Teilnehmern eine Struktur-Aufstellung zum Thema Digitale Transformation gemacht. Mit dieser Aufstellung von 30 Minuten wollte ich einerseits die Inhalte der letzten beiden Tage rekapitulieren lassen und andererseits„Mental Models“ zur digitalen Transformation aufzeigen. Gerade digitale Transformation ist im Sprachgebrauch ein ziemlich leerer Container. Judith Muster von Metaplan sagte es so treffend: „Meint jemand damit die digitale Revolution durch Technologien und Start-Ups oder geht es um die Digitalisierung der Personalakte, also ganz konkreter Aufgaben und Prozesse?“

Die Vorbereitung

Als „Aufstellungsleiter“ habe ich im Vorfeld zwei Spannungsfelder mit jeweils zwei Polen ausgewählt. Die Pole sind: Vision vs Umsetzung & langfristig vs kurzfristig. Zudem habe ich eine Reihe von Akteuren und Programmen aus dem Kontext der digitalen Transformation eines Unternehmens bereits vorgegeben. Diese Elemente kann man selbstverständlich auch gemeinsam mit den Teilnehmern sammeln. Ich habe das angesichts knapper Zeit vordefiniert.

Struktur-Aufstellung digitaleTransformation

Schritt 1: Aufstellerin wählen

Im ersten Schritt ging es darum eine Person auszuwählen, die die verschiedenen Elemente aufstellt und damit ihr eigenes Mental Model exponiert.

Schritt 2: Items auswählen und verteilen

Bei einer Aufstellung wird jedes Element der Aufstellung durch eine Person repräsentiert. Exklusive der Aufstellerin waren wir 13 Pesonen. Repräsentantinnen für die vier Pole sowie für die digitale Transformation musste die Aufstellerin in jedem Fall nehmen. Aus den übrigen Elementen konnte die Aufstellerin wählen, welche sie nimmt und welche sie weglässt.

Nachdem sie ihre Wahl getroffen hat, hat sie die Themen Personen zugeordnet und sie so zu Repräsentanten der jeweiligen Aspekte (Akteure und Programme) gemacht.

Struktur-Aufstellung DigitalTransformationClub

Schritt 3: Aufstellen im Raum

Die Aufstellerin hat dann die verschiedenen Repräsentanten im Spannungsfeld zwischen Vision-Umsetzung und kurz-/langfristig aufgestellt. Dabei zählten einerseits die räumliche Position und andererseits die Blickrichtung. Aber: Position sticht Blickrichtung. D.h. es ist wichtiger, wo eine Person steht, als was sie in den Blick nimmt bzw. aus den Augen verliert. Nach ein paar Minuten waren alle Repräsentanten aufgestellt und die Aufstellerin hat noch einmal kurz ihre Aufstellung gecheckt.

Schritt 4: Reinfühlen

Ich forderte die Repräsentanten auf, sich in ihre Rolle einzufühlen, sich im Spannungsfeld zu orientieren und habe sie dann gebeten zu schauen, wie sie ihre eigene Position im Verhältnis zu den übrigen empfinden. Wie immer war die größte Schwierigkeit, die Ruhe und Stille kurz auszuhalten und nicht zu reden und zu witzeln.

Schritt 5: Repräsentanten sprechen lassen

Nun habe ich die Stellvertreter gefragt, wie sie sich fühlen und inwiefern jemand intensive Gefühle verspürt. Zuerst sagte der „Kunde“: „ich fühl mich hier total unwohl und bin aus meiner Sicht total an der falschen Stelle. Ich will hier weg.“ Dann sprudelte es aus dem Datenschutz heraus: „Ich fühl mich total wohl hier im Rücken des Betriebsrats. Ich hab hier alles gut im Blick und bin mitten im Geschehen.“ Und so ging das weiter. Es war sehr erheiternd und aufschlussreich zugleich.

Struktur-Aufstellung Digital Transformation Club

Im nächsten Schritt habe ich die Pole der Spannungsfelder befragt und auch die hatten spannende Perspektiven und Sichtweisen anzubieten. So sagte der Repräsentant der Langfristigkeit: “Für mich ist das alles komisch, die sind alle so weit weg. Die digitale Transformation kann ich nicht mal sehen bei all dem Gewusel und die digitalen Produkte und Services auch nicht.”

Schritt 6: Aufstellerin interviewen

Ich habe die Aufstellerin dann um ihr Feedback und ihre Einschätzung gebeten und sie gefragt, was die Rückmeldungen mit ihr machen. Anschließend habe ich sie gefragt, ob sie Positionen verändern wollte. Was die Aufstellerin dann auch tat.

Schritt 7: Aufstellung anpassen

Die Aufstellerin hat dann Ihr Arrangement ein wenig verändert. Der zentrale Repräsentant – die digitale Transformation – wurde komplett neu aufgestellt und ausgerichtet. Der IT-Leiter blieb irgendwie zwischen Vision und Umsetzung verloren, bis auch er ein finale Position fand: die Umsetzung fest im Blick und den Betriebsrat und Datenschutz im Nacken. Nur der Kunde wurde (aus vermeintlich guten Gründen) nicht verrückt – und blieb solange unzufrieden, bis wir ihm abschließend gestatteten sich dorthin zu stellen, wo er sich wohl fühlt: zwischen „Umsetzung“ und „kurzfristig“ und in direkter Nähe zu den digitalen Produkten und Services.

Schritt 8: Reflektieren

Die Teilnehmer sprangen dann aus ihren Rollen  und wir haben gemeinsam über das Ergebnis der Struktur-Aufstellung gesprochen und was uns daran aufgefallen ist. Dabei war auch interessant, welche der vorgegebenen Elemente die Aufstellerin nicht gewählt hatte. So spielten in dieser konkreten Aufstellung die Aspekte “Digitalstrategie”, der “CFO” oder die “Mitarbeiter” keine Rolle und wurden von der Aufstellerin nicht ausgewählt. Das korrespondierte perfekt mit dem Setting der Aufstellerin.

Mein Fazit zu Struktur-Aufstellungen

Die Teilnehmer hatten viel Spaß und waren sehr ausgelassen. Alle haben sich unglaublich schnell in ihre Rollen eingefunden. Sie berichteten, dass die Aufstellung als Repräsentant unmittelbar auf ihr Erleben gewirkt hat und sie die Rolle förmlich gespürt hätten. Ich gehe bestärkt und inspiriert aus dieser Übung, werde mich weiter mit dem Thema beschäftigen und schauen, wo ich es mal wieder untergebracht bekomme.

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Struktur-Aufstellungen gemacht?

Wir freuen uns zu hören, wie Ihr so etwas angeht, was gut funktioniert und was total gefloppt ist.

 

Bei der Vorbereitung haben mir ein paar Quellen sehr geholfen und mich inspiriert:

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2 Gedanken zu „Mit Struktur-Aufstellungen an Mental Models der digitalen Transformation herankommen“

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