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Die innere Präsenz: Wie du einen guten Facilitator-State aufbauen kannst, um Entwicklungsräume zu ermöglichen

Entwicklungsräume für Menschen und Organisationen zu schaffen und zu halten, das ist eine der Kernkompetenzen von Facilitator*innen. Dazu braucht es einen gut gefüllten Methodenkoffer und Wissen über Veränderungsdynamik. Aber das alleine hilft wenig, wenn aus ressourcenschwachen inneren Zuständen wie Leistungsdruck, mentaler Erschöpfung, Konkurrenz, Mangel oder Überforderung gearbeitet wird. Denn ohne gastgebende Haltung und innere Präsenz ist jede Toolbox wirkungslos.

Wie gelingt es uns als Facilitator*in, darüberhinaus noch einen Rahmen zu gestalten, der einen Resonanzraum für Neues ermöglicht? Wie schaffen wir es, wach und beweglich in der Wahrnehmung zu sein und zu bleiben? Die Stimmen des Neuen in Veränderungsprozessen sind leise. Wie gelingt es, diese feinen Signale und Zwischentöne mitzubekommen? Wie können wir dem Prozess folgen und etwa einen Workshop immer wieder aktuellen Bedürfnissen und Herausforderungen anpassen statt an unserem vorher ausgearbeiteten Plan festzuhalten? Und wie schaffen wir es, all diesen Anforderungen gerecht zu werden?

Unser eigener innerer Zustand beeinflusst den Erfolg unserer Arbeit

Wie schaffen wir das? Unsere Antwort: Indem wir aus einem ressourcevollen Zustand heraus arbeiten. Wir nennen diesen wünschenswerten Zustand «Innere Präsenz». Diese braucht es, um den für unseren Berufsstand wichtigen «Facilitator State» immer wieder aufbauen zu können.  Die «Innere Präsenz» ist Grundlage und Weg dorthin. Wenn wir es schaffen, aus der «Inneren Präsenz» heraus mit Einzelpersonen oder Gruppen von Menschen zu agieren, öffnen wir Räume, die neue Entwicklungsschritte ermöglichen. Bisweilen zur positiven Überraschung aller Beteiligten.

Die innere Präsenz

Dass innere Zustände einen Einfluss auf unsere Performance haben, spielt in vielen Ansätzen eine Rolle. Wir sind durch die Transpersonale Psychologie (John C. Pierrakos, Arnold Mindell), die Arbeit mit der Theorie U (Claus Otto Scharmer) und eigene Theatererfahrung inspiriert. Und unsere langjährige Arbeit mit Menschen in Change und Transformation tun ihr übriges dazu.

Warum ist uns Innere Präsenz so wichtig?

In anstrengenden und herausfordernden Zeiten ist «Innere Präsenz» der Ort, aus dem Handeln leicht ist. «Innere Präsenz» zwingt uns, kurz innezuhalten. Unser biologisches System wird beruhigt, der Stresszyklus durchbrochen. Das stärkt die Resilienz.

Von meinem besten und höchsten Ort aus zu arbeiten, gibt meiner Arbeit eine humorvolle Ernsthaftigkeit, die Leichtigkeit ermöglicht. Das schafft positive Resonanz und Qualität im Kundensystem. Es lohnt sich also!

Anwendungsbeispiele für Innere Präsenz im Alltag

Renates Geschichte

Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Das ist meine Herausforderung in der Prozessbegleitung als Facilitatorin. Denn inneres Entstehen und Wachsen von neuen Ideen in Menschen und Gruppen hat seine eigene Zeit. Da steht mir meine Ungeduld gerne im Weg. Dazu kommt noch, dass aus einer Außenperspektive mögliche Lösungsideen oft schneller sichtbar sind – ob sie hilfreich sind für die Gruppe, ist eine andere Frage. Dem Impuls, diese der Gruppe/ den Menschen sofort zur Verfügung zu stellen, nicht nachzukommen, ist oberstes «Facilitator-Gesetz». Was hilft mir dann? Ich atme. Ich atme tief ein und aus. Erde mich, spüre den Stuhl, auf dem ich sitze, und den Boden unter den Füßen. Danach kann ich innerlich loslassen und die Gruppe wieder wahrnehmen, so wie sie ist. Ich kann der Intuition für den Prozess Raum geben und mich überraschen lassen.

Die innere Präsenz

Barbaras Geschichte

Ich hatte eine Anfrage, die viel Arbeit versprach und wenig Aussicht auf Erfolg. Die formulierten Anforderungen waren hoch und nicht alle entsprachen unserem Firmenprofil. Also quälte ich mich ein paar Tage mit Hinauszögern und Unlust. Gleichzeitig haben wir in der School of Facilitating den Anspruch, dass Anfragen ernst genommen und beantwortet werden.

Also war ein innerer Druck in mir.

Was half? Ich habe mich hingesetzt, bin in die Stille gegangen und habe rund 15 Minuten «Innere Präsenz» im Sinne der 4 Connects (s.u.) praktiziert. Das heißt, ich habe die Anfrage innerlich an mich rangelassen. Die «Not» des Kunden gespürt, mich gefragt, was mein Beitrag dazu sein könnte. Ich habe in mein Herz gespürt und mich gefragt: Was kann ich geben? Anschließend hat es nur erstaunliche 10 Minuten gebraucht, das Angebot so zu formulieren, dass es «aus mir herauskam», meinen Fähigkeiten entspricht und gleichzeitig den Kunden mit seinem Anliegen aufnahm. Wider meine Erwartung wurde es angenommen und war in der Umsetzung freudvoll und überraschend erfolgreich.

Woran merke ich, dass ich in der «inneren Präsenz» bin oder nicht?

Die innere Präsenz

Fragst du dich manchmal in deiner Arbeit als Facilitator*in, warum ein Job gut läuft und ein anderer trotz bester Vorbereitung nicht? Bist du genervt, unruhig, fahrig, nicht wirklich mit dir oder deinen Mitmenschen in Kontakt? Hältst du am Plan fest, bist nur im Kopf, in der Bewertung und fühlst dich getrieben? Es gibt unendlich viele Indikatoren, die zeigen, dass du nicht «drin» bist. Wenn du diese bei dir oder anderen (z.B. Kollegen) wahrnimmst, betrachte es als Einladung, die innere Präsenz aufzubauen.

Im «Facilitator State» spürst du eine innere Offenheit, vielleicht Gelassenheit oder ein «Fels in der Brandung»-Gefühl. Wachheit, Optimismus, Freude sind da und gefühlt scheint die Sonne aus dir heraus. Die Arbeit macht Spaß und zehrt nicht an deiner Energie.

Was ist «innere Präsenz»?

Ein guter innerer Zustand mit folgenden Facetten:

  • eine neugierige Wachheit
  • eine Wahrnehmung im Hier und Jetzt – im Innen und Außen
  • ein stabiler, aber gleichzeitig beweglicher Zustand in Kontakt mit mir selbst

Agieren ohne “Innere Präsenz” verstärkt existierende Kontakt Verluste

«Innere Präsenz» ist nicht Selbstoptimierung durch Achtsamkeitsübungen, sondern eine immer wieder aufzubauende innere Haltung.

Otto Scharmer definiert in seinem Buch «Essentials der Theorie U» drei Felder des Kontakt-Verlustes. Er nennt sie «Divides» – Klüfte, die uns und unserer Gesellschaft schaden:

  • die ökologische Kluft: eine noch nie da gewesene Umweltzerstörung, die zum Verlust der Natur führt.
  • die soziale Kluft: ein Auseinanderfallen der Gesellschaft, eine Polarisierung und Fragmentierung, die zum Verlust des sozialen Zusammenhalts führt.
  • die spirituelle Kluft: steigende Zahlen von Burnout-Fällen und Depressionen – was zum Sinnverlust sowie zum Verlust der Wahrnehmung vom eigenen Zukunftspotenzial führt.

Die Wiederherstellung des Kontaktes zu mir selbst als tägliche Übung, ist daher Grundlage für eine lebendige innere Präsenz und Überwindung dieser Klüfte. Wenn ich aus der tiefen Verbundenheit mit mir Selbst heraus handle, hat das auch Auswirkungen auf das soziale und spirituelle Miteinander in meinem Arbeitsumfeld.

Ein kleines Warm-up: Die Verankerung eines guten Zustands

Die innere Präsenz

Spüre in dich hinein. Lass die folgenden Fragen in dir wirken und lass dich überraschen:

  • Wann und wo in deinem Leben hattest du schon mal das Gefühl einer neugierigen Wachheit?
  • Wann und wo erlebst du Situationen, in denen deine Wahrnehmung im Hier und Jetzt und gleichzeitig im Innen und im Außen ist?
  • Wann und wo bist du in einem stabilen und gleichzeitig beweglichen Zustand in dir selbst?

Lass die Antworten auf die Fragen in dir entstehen:

  • Welche Erfahrungen, Bilder, Gefühle, Geräusche, Gerüche tauchen auf?
  • Was könnte ein Symbol für dich sein, das alle drei Facetten umfasst? Finde es, male es, …

Bevor du in anspruchsvolle Situationen hineingehst, erinnere dich an das Symbol – oder habe es bei dir – und aktiviere darüber deinen guten Zustand.

Im Kontakt mit unserem eigenen Potential

 «Innere Präsenz» geht für uns noch einen Schritt weiter. Sie ist für uns die Bewusstmachung unseres inneren Besten – auch Essenz, innere Flamme oder Potential genannt – und der Mut und die Freude, es nach außen hin sichtbar zu machen. Otto Scharmer nennt das, sich mit seinem höchsten Zukunftspotential zu verbinden.

Die innere Präsenz

«Innere Präsenz» geht in diesem Sinne über eine entspannte Konzentration hinaus. Sie ist entspannt und wach, ruhig und beweglich. Im Zustand der «Inneren Präsenz» bin ich in Beziehung/ im Kontakt mit mir und mit der Welt – das ist entscheidend!

Wir schauen dabei auf 4 verschiedene Ebenen der Beziehung/ des Kontaktes:

  • Connect to myself: Ankommen in mir z.B. mit Hilfe der Einstiegsübung
  • Connect to others: mit den anderen in Kontakt und in Verbindung sein, so dass Vertrauen entstehen kann
  • Connect to the intention/ topic: mit der Intention/ dem Thema in Kontakt sein
  • Connect to the commitment: in das eigene Commitment zu dem geplanten Weg gehen, zum Auftrag, zur Gruppe

In die eigene Innere Präsenz kommen

Barbara Backhaus, unsere Netzwerk Partnerin in der Schweiz, hat eine wundervolle Übung für den Zugang zur «Inneren Präsenz» entwickelt, die wir hier gerne zur Verfügung stellen. Diese Übung führt die Teilnehmenden zu ihrer jetzt aktuellen Form des «Facilitator State»/ der «inneren Präsenz». Dies kann ein Bild sein, eine Szene. Doch immer ist dieses innere Bild mit einem klaren Gefühl, einer inneren Haltung gekoppelt. Diese Haltung gilt es in den Alltag mitzunehmen.

Die innere Präsenz

Übung «Tiefster Ort» zur Herleitung des «Facilitator State»

Schritt 1

Entspanne dich, vielleicht durch eine kurze Meditation und/ oder Körperübung

Was ist der momentan «Tiefste Ort» oder auch “innerste Ort” in deinem Körper, der Ort, an dem du dich wohl fühlst, der Ort wo du mit deiner tiefsten Essenz verbunden bist?

Wie ist es da? Wie ist die Atmosphäre? Werde konkret!

Ist da noch ein Potential – eine Ahnung – das gelebt werden will?

Schritt 2

Schließ die Augen und lass in dir einen Ort auf der Erde bzw. im Universum entstehen, der eine Entsprechung des Tiefsten Orts in deinem Körper hat. Lass dich überraschen, nimm dir Zeit. Lass den Ort sich anbieten.

Wenn du den Ort gefunden hast, geh dort eindringlicher hin und schau dich um: Was springt dich an? Was fällt dir auf? Lass dich überraschen und werde konkret!

Alles im Universum hat seinen Ton. Lass den Ton Deines Ortes (oder der Atmosphäre des Ortes) entstehen.

Schritt 3

Schau dich jetzt um. Du siehst eine Tür, eine Öffnung, ein Fenster. Geh darauf zu.

Geh durch die Tür oder die Öffnung, schau durch das Fenster.

Du siehst dich in Deinem Facilitator State – in dem Zustand, für den du brennst.

Deine Innere Flamme. Wer bist du dann?

Schritt 4

Was fühlst du, wenn du dich so siehst? Wo im Körper ist dieses Gefühl lokalisiert? Werde konkret!

Dreh dich um und verlasse den Ort. Nimm den körperlichen «Marker» mit. Komme in deiner Zeit zurück in den Raum.

Schritt 5

Notiere das Erlebte oder male ein Bild dazu, auch wenn es flüchtig ist.

Hier findest du die Reise auch in gesprochener Form.

Der Ariadne-Faden

Die innere Präsenz

Der körperliche «Marker», den du aus dieser Übung mitnimmst, bringt dich jederzeit mit deinem ganz persönlichen «Facilitator State» in Verbindung. Er ist der «Ariadne-Faden» der dich sicher zu deinem Schönsten und Besten führt. Dafür musst du ihn «trainieren» – ihn dir immer wieder in Erinnerung rufen. Eine gute Vorgehensweise kann sein, dir täglich nach dem Aufwachen zwei, drei Minuten Zeit zu nehmen und in das Bild aus der obigen Reise zurückzukehren. Du erinnerst dich ganz konkret und reaktivierst und spürst den «Marker». Vielleicht magst du dich in die Haltung stellen, in der du dich gesehen hast. Es darf zu Beginn ruhig etwas mechanisch sein. Mach es – und dein Körper wird sich erinnern und wie selbstverständlich lernen, in diesem entspannten und wachen Zustand zu sein. Mit der Zeit wirst du mehr Vertrauen in die natürliche Intelligenz deines Körpers bekommen und ihn sich bewegen lassen. Folge diesen Bewegungen, sei neugierig und lass dich überraschen. Diesen sich immer weiterentwickelnden Zustand kannst Du jederzeit «abrufen». Wir wünschen dir schon jetzt viel Freude an deinem «Facilitator State».

Solltest du die Übung machen und Lust auf Austausch haben, melde dich bei uns.

Lust auf mehr? 

Einen guten inneren Zustand aufzubauen, ist keine einmalige Angelegenheit, sondern ein Lernprozess. «Innere Präsenz» lebt von der Übung. «Innere Präsenz» lebt auch vom Austausch mit anderen, vom gemeinsamen Lernen in einer Gruppe. Das macht es einfacher und trägt auch durch Zeiten mit geringer Motivation. Wir haben dazu einen Online Kurs entwickelt. Es geht einerseits darum, zu verstehen, was alles dazugehört, und andererseits, eine Gewohnheit zu schaffen, diesen inneren Zustand mitzunehmen, bzw. ihn schnell abrufen zu können. 

Barbara Zuber
Kategorie: Standpunkte

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Mitgründerin der school of facilitating, Berlin. Sie ist ein forschender Geist für Themen rund um die persönliche Entwicklung von uns Menschen. Prozessbegleiterin aus Leidenschaft. Ihr Motto: Lösungen dürfen einfach sein.

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