„Wir haben da in zwei Wochen die jährliche Info-Veranstaltung für unsere Buchhalter*innen. 60 Leute aus verschiedenen Standorten. Am Vorabend werden Zahlen präsentiert, nachmittags gibt es eine Schulung. Könnt ihr dazwischen was machen? Etwas, das für Leichtigkeit und Zusammenhalt sorgt? Denn es steht auch Personalabbau an.“ Kein Tiefgang, keine Reflexion, nur ein gutes gemeinsames Miteinander. In diesem Artikel geht es um ein Teambuilding mit einer Großgruppe unter schwierigen Bedingungen und mit wenig Zeit. Wir zeigen, warum es auch in schwierigen Zeiten Raum für Leichtigkeit, Verbindungen und gute Begegnungen braucht. Und wie Du ein lebendiges Teambuilding mit einem Feuerwerk kleiner Methoden und ohne viel Material gestalten kannst.
Beschränkung als Chance
Wenig Budget, wenig Prep-Time, wenig Stage-Time. Kein Platz für Outdoor-Aktionen, kein Budget für fancy Equipment oder lustige Goodiebags. Also: nichts als herkömmliches A4-Papier, ein FineOne-Stift und ein Feuerwerk kleinerer und größerer Methoden.
Übersicht: Die 13 Methoden dieses Teambuilding-Tages
- Mad-Tea-Party-Bestuhlung
- Mae Martin Intro
- Poetry Applaus
- Hände hoch Moderation
- Tandem-Porträts blind gezeichnet
- Gesprächsstarter-Karten
- Back to Back Drawing
- 4er-Porträts
- Stuhlskulpturen-Challenge
- 3 Dinge ändern
- Paper Plane Agility Game
- Kollektives Zeichnen
- Schnick-Schnack-Schnuck-Turnier
Gutes Teambuilding lebt von Überraschungen und Irritationen
Damit Menschen sich im Arbeitskontext einen Vormittag lang ohne Fachdiskussionen begegnen, braucht es einen Rahmen, der überrascht und Lust macht.
Wir sind mit zwei großen Stuhlkreisen gestartet. Ein Innen- und ein Außenkreis mit jeweils gleich vielen Stühlen. Auf jedem Stuhl: ein Klemmbrett, DIN A4-Papier und ein Stift. Und die Bestuhlung sorgte direkt für Überraschung und Irritation. „Oh“, „Oh Gott“, „Huch“ waren häufige Reaktionen beim Betreten des Raums.
Die Teambuilding-Eröffnung
Wie bei einer guten Keynote haben die ersten 100 Sekunden einer Großgruppen-Moderation sehr viel Aufmerksamkeit. Diesen magischen Moment wollte ich nicht mit Floskeln oder Vorstellung meinerseits verschwenden. Stattdessen habe ich inhaltlich einen Punkt gesetzt:

“Was machen 25% der erfolgreichen Teams anders?

Es braucht mehr und bessere Begegnungen. Es ist wichtig, fachlich informiert und abgestimmt zu sein. Aber wenn das Miteinander nicht flutscht, nützt das alles nichts.
Daher sind Spiele, Begegnungen, ungewöhnliche Gespräche und überraschende Aktivitäten fester Bestandteil bei unseren Team-Workshops, bei unseren Management-Offsites und bei unseren Unternehmenskonferenzen. Zusammen mit meinen Kollegen von komfortzonen.de begleite und bespaße ich seit 15 Jahren Unternehmen wie euch – und ganz andere.
Ach ja, mein Name ist Jörg und ich habe mir gedacht: Was gibt es besseres, als dieses Teambuilding heute mit einer kurzen Vorstellungsrunde zu beginnen, damit ich auch weiß, wie ihr so heißt.
(Pause)
Ich zähle jetzt gleich bis 3 und dann ruft ihr alle gleichzeitig euren Namen. OK? 1-2-3“
Diese Vorstellungsrunde haben wir uns übrigens von Standup-Comedian Mae-Martin abgeschaut.
Dann noch schnell den Poetry Slam Applaus und die Hände-hoch-Moderation und das Eis war gebrochen. Um 9.05 Uhr war aus dem faden Hotelkonfi ein heiß blubbernder Hexenkessel heiterer Buchhalter*innen geworden.
Lasst die Mad Tea Party beginnen
Und dann ging das Teambuilding direkt mit Papier und Stift los. Runde 1: „Porträtiere dein Gegenüber, ohne dabei auf dein Blatt zu schauen.“ kurzes Stöhnen, dann grinsendes Gemurmel, schließlich Gelächter und heiteres Gebrabbel. Dieser kurze Visual Facilitation Klassiker enttäuscht wirklich nie.
Und direkt Zeit für die erste Rotation. Jede*r hatte eine andere Frage auf dem Klemmbrett. Die galt es nun der Person gegenüber zu stellen und zuzuhören. Schließlich wurden die Fragen getauscht, weiter rotiert und eine nächste Runde mit den neuen Fragen gesprochen. Viele der Fragen waren Gesprächsstarter-Karten aus „Darf ich dich das fragen?“ von Hotel Matze. Nach 20 Minuten hatten alle mit sechs verschiedenen Menschen gesprochen. Und sich anders kennengelernt als beim üblichen Smalltalk.
Wenn Rücken an Rücken rücken
Nach dem Speed-Dating / der Mad Tea Party blieben die Teilnehmer*innen in Tandems. Aber jetzt drehten sie sich um: Rücken an Rücken. Die Personen außen bekommen ein Bild, die Personen auf der Innenseite haben ein leeres Blatt auf dem Klemmbrett. Die Person mit dem Bild beschreibt, die andere zeichnet – ohne dass beide einander sehen oder das Bild gezeigt wird.
Die Methode haben wir im High Five #48 ausführlich beschrieben. Was sie für dieses Teambuilding besonders machte: Im Debriefing ging es darum, dass Kommunikation immer Missverständnisse erzeugt und man Verständnis immer erst herstellen muss. Etwas, das Führungskräfte und Kolleg*innen gerade in Umbruchphasen mit Personalabbau besonders berücksichtigen sollten.
Arbeitsteiliges Porträtieren
Bevor es an eine größere Teambuilding-Übung ging, gab es noch eine schnelle Porträt-Übung zu viert. Person 1 steht Modell, Person 2 zeichnet den Kopf, Person 3 den Mund und Person 4 die Augen. Der Trick: jede Person darf nur einen Strich machen, dann wird weitergegeben. Solange bis das Porträt fertig ist. Dann war die nächste Person der 4er-Gruppe dran und am Ende hatte jede*r ein Bild von sich und schon mal mit drei anderen Menschen zusammengearbeitet.

Die Stuhlskulpturen-Challenge
Nun war es Zeit, aktiver zu werden. In sechs 10er-Teams galt es, die beeindruckendste Skulptur aus Stühlen zu bauen. Einige rannten sofort los, um Stühle zu horten. Andere bauten los. Wieder andere Teams sahen sich nur verwirrt um oder diskutierten. Ein lautes Durcheinander, aus dem sich nach und nach tolle Gebilde aus Konferenzstühlen formten. Im nächsten Schritt galt es den Skulptur Titel zu geben und Schilder zu gestalten. Dann waren die Teams bereit für die Kür der Gewinnerskulptur über eine Marktplatzlogik. Ja, bei einem Teambuilding darf es auch mal kompetitive Spiele geben.
Ein, zwei Personen blieben beim Stuhlgebilde und bewarben ihre Skulptur und erklärten, warum gerade ihr Kunstwerk das eindrucksvollste von allen sei. Andere gingen umher, schauten sich um, gingen ins Gespräch und investierten ihr Geld in die eigene oder andere Stuhlformationen. Schließlich wurde das Geld gezählt und das Gewinnerteam stand fest.
Ach ja, das Geld. Das haben die Teilnehmer*innen, wie gesagt, per Crazy 8 schnell selbst gebastelt. So hatte jede*r Spielgeldscheine in Höhe von 5, 5, 10, 10, 50, 50, 100 und 200.

Die Arbeit mit Stuhlskulpturen ist immer wieder ein Highlight und begleitet uns seit Langem. Für diese neue Variante habe ich mich bei den Logiken des Futures Bazaars bedient.
Drei Dinge ändern: Sensibilisierung für Veränderung
Nach der Kaffeepause ging es weiter mit einem kurzen, aber wirkungsvollen Wachmacher, der in Change-Kontexten immer gut passt: Drei Dinge ändern.
In Paaren schauen sich die Menschen genau an, drehen sich um, ändern drei Dinge an sich (Brille ab, Ärmel hochkrempeln, Haare anders) und drehen sich wieder einander zu. Gegenseitig müssen sie erraten, was sich verändert hat. Das wiederholen sie dreimal. Nach jeder Ankündigung einer neuen Runde wird laut gestöhnt, aber das Gelächter und die Freude steigen ebenfalls bei jedem Umdrehen. Veränderungen mögen am Anfang schwer erscheinen, aber sie können und dürfen auch eine Leichtigkeit entfalten.
Die Paperfliegerfabrik
Das agile Simulationsspiel Energieball-Fabrik (auch als Ballpoint Game bekannt) ist eine der gelingsichersten Übungen, die wir kennen. Teams lernen die Vorteile kleiner Schritte und des zyklisch-iterativen Arbeitens. Sie werden besser, haben Spaß und sind auch körperlich gefordert. Das ist auch für ein Teambuilding eine verbindende Erfahrung.
Bei diesem Großgruppen-Teambuilding haben wir ein Spiel mit ähnlichen Prinzipien und Mechaniken gespielt: das Paper Plane Agility Game. Zehn 5er-Teams hatten die Aufgabe in vier kurzen Sprints von zwei Minuten Papierflieger zu produzieren. Davor und danach gab es Zeit für Planning und Review/Retro. Der Clou: jede Person darf nur einmal falten, bevor sie den Flieger weiterreicht. Zudem müssen die Flugzeuge 4m fliegen. Der Teamname und ein Logo müssen auch drauf stehen. Nur nach erfolgreicher Abnahme werden die Flieger gewertet. In Runde 3 und 4 gibt es dann noch neue Anforderungen. Auch hier geht es um Verbesserungen und gemeinsames Tun.
Überrascht war ich, dass einzelne Teams zwar viele Flieger falteten, diese aber gar nicht flogen. Offensichtlich wurde hier nicht getestet. Besonders irritierend war es dann, dass einzelne dieser Teams auch in Runde 2-4 nichts änderten, sondern ihre Fehler einfach fortführten und 4x null Punkte kassierten, während andere Teams deutlich besser wurden und mit steigenden Anforderungen Schritt halten konnten. Hier wäre Debriefing-Gold entstanden, aber wir haben es mit Humor genommen und nicht vertieft, weil hier – anders als fast immer sonst in unserer Arbeit – explizit kein Debriefing gefragt war.
Verbesserungspotenzial für die nächste Iteration: für ausreichend Altpapier sorgen, statt blanko Büropapier zu verschwenden.

Der krönende Abschluss des Teambuildings
Für das Wrap-up stellten wir uns wieder im Doppelkreis wie am Anfang auf, nur ohne Stühle. Jede*r nahm erneut Stift und Papier. Nach kurzer Reflexion des Tages schrieb jede*r einen Satz oder einen Titel auf das Blatt und reichte es nach rechts weiter. Die nächste Person hatte 30 Sekunden Zeit zu dem Titel etwas zu malen. Dann ging das Blatt nach rechts weiter und es wurde erneut 30 Sekunden gezeichnet. Irgendwann kamen alle Blätter wieder beim Ausgangspunkt an. Erneut gab es ein großes Oho und lautes Geschnatter.

Dann knüllten alle ihre Bilder und die Schneeballschlacht begann. Papierbälle wurden aufeinandergeworfen, entfaltet, angesehen und frisch geknüllt weitergeworfen. So bekamen alle zum Abschluss noch mal Eindrücke ihrer Kolleg*innen mit.
Um das Teambuilding mit einem richtigen Feuerwerk zu beenden, folgte dann das Schnick-Schnack-Schnuck-Turnier. 2er-Teams starteten mit Schere-Stein-Papier. Verlierer*innen wurden zu Fans der Gewinner*innen und feuerten sie an. Schnell entstanden laut brüllende Mobs bis es zum Finale kam. Ein Mann, der sich den Vormittag oft und lautstark beteiligte, spielte mit seiner Fanbase gegen eine Frau, die die ganzen drei Stunden kein Wort gesagt hatte. Und tollerweise gewann dann die Frau. Besser konnte es nicht enden.
Was bleibt vom Teambuilding?
60 Menschen aus verschiedenen Standorten, die wissen, dass schwierige Zeiten kommen. Ein Vormittag mit Papier, Stiften und Stühlen. Viel gelacht, gezeichnet, gebaut. Und nebenbei: kommuniziert, kooperiert, ausprobiert.
Auch in schwierigen Zeiten. Vielleicht gerade in schwierigen Zeiten.







