Hallo!
Bevor es draußen grauer und dunkler wird, genießen wir die bunten Farben des Herbstes und die bunte Vielfalt der herausfordernden Themen, die wir gemeinsam mit unseren Auftraggeber*innen bearbeiten dürfen. Wir begleiten und beraten …
- ein Führungsteam in der Finanzwirtschaft beim nächsten Wachstumsschritt
- Geschäftsleitung und Betriebsrat eines Dienstleistungsunternehmens bei der Etablierung einer kooperativen Zusammenarbeit
- eine Bürgerschaftsfraktion bei ihrer Jahresklausur
- ein agiles Projektteam in einem Multi-Stakeholder-
Vorzeigevorhaben rund um Obdachlosigkeit und Sucht - das Leitungsteam eines
gemeinnützigen Unternehmens bei der strategischen Ausrichtung im Zuge eines Geschäftsführerwechsels
Um Teams in solchen komplexen Situationen zu Durchbrüchen zu verhelfen, versuchen wir immer wieder Interventionen zu setzen, die überraschen und manchmal irritieren. Eine Handvoll davon stellen wir in dieser Ausgabe vor. Die gemeinsame Klammer dieser Interventionen: die Team-Mitglieder wenden sich in allen Übungen bewusst den Rücken zu.
Viel Spaß beim Irritieren, Imitieren und Zusammenrücken
Dirk, Jörg und Valentin

1. Die Gruppe konfrontieren: Beratung mit dem Rücken zum Kunden
„Wir haben schon so einige namhafte Berater*innen verschlissen.“ So begann vor einigen Jahren die Zusammenarbeit mit einem krisengebeutelten Schwergewicht von Interessenverband.
Die Mitgliedsorganisationen als Gesellschafter des Verbands (Meta-Organisation!) hatten den Aufstand geprobt und auf hunderten Seiten Missstände benannt. Der erste Vorstand war stark angezählt, der zweite noch gar nicht offiziell im Amt. Unser Auftrag: die jährliche Klausurtagung moderieren und einen positiven Gestaltungswillen entstehen lassen. Eine schwierige Ausgangslage, und im Workshop knirschte es dann auch gewaltig.
Das war ein guter Moment, der Gruppe als Moderations-Tandem den Rücken zuzukehren und in einen Dialog einzusteigen, als sei niemand sonst im Raum. Unser Gespräch lief dann ungefähr so:
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“Puh, was, bitte, ist denn das hier gerade?”
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“Also ich bin jedenfalls etwas verärgert. Ich habe das Gefühl, dass die hier alle gerade eine Chance verpassen. Geht dir das auch so?”
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“Ah, danke, dass du das mit mir teilst. Ich war gerade unzufrieden mit unserer Moderation, suchte den Grund bei uns. Aber vielleicht hast du Recht und die Gruppe will gar nicht.”
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“Ob ich Recht habe, weiß ich nicht. Mein Eindruck ist allerdings, dass hier gerade alle dafür sorgen, dass bloß nichts vorangeht, dass bloß nichts erreicht werden soll. Statt mal etwas zu klären, wird eine Barrikade nach der nächsten errichtet.”
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“Jedenfalls so gar nicht die Stimmung für einen produktiven Workshop.”
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“Vielleicht fragen wir die Leute einfach mal, welche Chance sie hier gerade verpassen.”
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“Sehr gut, lass uns das machen.”
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“Jetzt direkt?“
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“Ja, jetzt!“
Wenn wir uns dann wieder umdrehen, ist die Aufmerksamkeit eine andere. Einige Personen fühlen sich entlarvt, andere sind mindestens verdattert. Es ist eine Intervention, die wahnsinnig gut sitzen kann, die aber gleichzeitig auch heute noch unseren Puls hochtreibt.

2. Bewusst Missverständnisse erzeugen: Rücken an Rücken zeichnen
In Organisationen und Teams lohnt es sich fast immer über Zusammenarbeit und Schnittstellen-Thematiken zu sprechen. Die Übung Back2Back-Drawing ist da ein Klassiker. Sie liefert neben Lachern kubikmeterweise Anlässe, um über Fallstricke von Kommunikation zu reflektieren.
Der Ablauf:
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Ein Tandem sitzt Rücken an Rücken.
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Person A erhält ein Bild und soll es Person B beschreiben.
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Person B erhält Zeichenmaterial und soll das Bild zeichnen.
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Nach Zeitraum X wird aufgelöst und alle betrachten die Zeichnungen.
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Die Reflexionsphase beginnt.
Wie bei jeder Arbeitsteilung entstehen Missverständnisse, und das fehlende Verständnis für die Perspektiven der anderen Seite wird deutlich. Elementare Informationen wie Perspektiven oder Schatten werden weggelassen. Andere Beschreibungen sind für die zeichnende Person unverständlich.
Das Back2Back-Drawing ist in vielen Varianten an vielen Stellen von vielen Leuten zu finden. Wir nutzen die reduzierte Version, die wir von unserem Netzwerk-Freund und Leadership-Professor Niels van Quaquebeke kennen.

3. Empathie stärken: Rücken an Rücken Musik hören
Allzu oft sind Workshops eng getaktet und es soll mehr auf die Agenda, als die Zeit hergibt. Sich unter diesen Bedingungen Zeit zu nehmen und gemeinsam Musik zu hören, ist eine der vielen kontraintuitiven Dinge, mit denen man als Facilitator*in überraschen kann.
Beim Back2Back-Listening aus den Liberating Structures sitzen zwei Personen Rücken an Rücken und hören ein Lied. Ihre Aufgabe: intensiv zuhören und auf möglichst viele Details achten. Nach zwei bis drei Minuten stoppt die Musik. Jetzt teilen beide ihre Beobachtungen miteinander: Was ist dir in der Musik aufgefallen? Was hat das mit dir gemacht? Anschließend läuft das Lied erneut, aber diesmal hören die Teilnehmer*innen das Lied aus der Perspektive des Gegenübers. Es hilft, dafür auch die Plätze zu tauschen.
Kürzlich haben wir das Back2Back-Listening zu Beginn des zweiten Tages eines Team-Offsites genutzt. War die Stimmung zuvor angespannt, war sie gleich im Anschluss gelöster. Viele waren sanfter miteinander und voneinander überrascht. Nicht nur der Perspektivwechsel, sondern auch der Moduswechsel erfüllte die Gruppe.
Danke an Julia von Grundherr für diesen Hinweis.

4. Für Veränderungen sensibilisieren: Die kleinen und großen Unterschiede finden
Wenn wir mit Organisationen an Veränderungsthemen arbeiten, erstellen wir keine großen Verfahrenspläne. Wir schauen auf die konkrete Situation, was es jetzt braucht und welcher nächste Schritt möglich ist. Diesen Blick für das, was gerade ist, versuchen wir auch den Menschen in unseren Strategie-Offsites, Team-Workshops und bei Management-Konferenzen nahezubringen.
Eine passende kurze Übung, die Bewegung und Heiterkeit bringt, ist das Back2Back-Change-Game. Dafür
Man kann die Übung kompakt machen und sie auf das Outfit beschränken, oder Mimik/Gestik und spontane Verkleidungen/Gegenstände aus dem Raum einbeziehen. Noch spaßiger und chaotischer wird es mit mehreren Runden in gleicher Paarkonstellation. Das pusht die Teilnehmer*innen noch einmal, ganz andere Dinge auszuprobieren, die sie sonst nie tun würden.
Danke an Lukas Liebich, der uns durch den Hinweis auf mehrere, spaßig-eskalierende Runden nochmal einen neuen Blick auf diese Übung gegeben hat.

5. Den Blick nach außen richten: der umgekehrte Kreis
So eröffneten wir kürzlich einen Workshop mit einem uns gut bekannten Management-Team: Alle Stühle stehen erwartungsgemäß im Kreis, sind aber umgedreht und nach außen gerichtet. Die Teilnehmer*innen kommen rein und sind belustigt bis irritiert. Wir bitten alle, Platz zu nehmen. „Nehmt euch einen Moment, in dieser Situation anzukommen.“ Wir gehen langsam außen um den Kreis und stellen einige Introspektionsfragen, die alle für sich im Stillen beantworten: „Was seht ihr? Und was seht ihr nicht? Was machen eigentlich eure Kolleg*innen aus der Geschäftsleitung? Wie fühlt ihr euch in dieser Situation?”
Wir betreten die Kreismitte. „Jetzt übertragt es auf euch als Geschäftsleitung. Wohin ist deine Aufmerksamkeit gerichtet? Wieviel bekommst du von dem Tun der anderen mit?“
Dann öffnen wir für eine Diskussion und fragen, was dieses Setup mit der Gruppe zu tun hat. Nach einiger Zeit weisen wir darauf hin, dass dieses Setup typisch für Management-Teams ist. Jede*r hat eigene Verantwortungsbereiche, und das Miteinander als GL erhält häufig zu wenig Aufmerksamkeit. Je komplex-dynamischer es wird, umso stärker.
Die Kraft des Kreises lässt sich leicht für eine überraschende Irritation nutzen: der Moment der Abgewandtheit sorgt oftmals für eine bewusste Zugewandtheit. Und auch für den Einstieg in andere Themen und Anlässe lohnt dieses Set-up: z.B. Zukünfte explorieren oder sich mit Stakeholder*innen oder Kund*innen beschäftigen.






