Hallo,
“Zufälle erhöhen.” Das ist eines unserer Ziele für dieses Jahr. Und das Jahr begann bereits mit einer gehörigen Portion Zufall. Eigentlich hatten wir zu einem offenen Effectuation-Kochen eingeladen. Dann kam genau für den Termin eine Anfrage für ein Team-Event, das wir als Effectuation-Kochen nutzen konnten. Anders als bei einem x-beliebigen Kochevent hatte das Team nur einen übervollen Kühlschrank und eine professionelle Küche. Keine Anweisungen, kein Menü, keine Rezepte. Nur aus den vorhandenen Mitteln mussten die 25 Personen in drei Stunden ein Team-Dinner zaubern. So viel sei verraten: es waren vier zauberhafte Gänge.
Aus dem Kochevent ergab sich eine interessante Zusammenarbeit mit dem FUN-Institut von Terry Krug. Und so haben wir etwas gestartet, was schon länger bei uns vor sich hin gärte: ein neues Lunch-Format für Führungskräfte. 12 Menschen aus ganz unterschiedlichen Organisationen kamen, aßen und bekamen einen Impuls-Workshop zu Delegation Poker. Und weil die Resonanz so gut war, setzen wir die Reihe nun mit einem anderen Thema fort.
In DEEP LUNCH #2 geht es um Effectuation und wie die Denk- und Handlungslogik von Unternehmer*innen in Transformationsprozessen für Wumms sorgt. Die Fokussierung auf die vorhandenen Mittel, auf den leistbaren Verlust, die Nutzung von Zufällen oder das Bauen von Patchwork-Partnerschaften führt dazu, dass sich in kurzer Zeit viel tut und Gestaltungswille entsteht.
Einladung zum DEEP LUNCH
Wenn Du in einer Organisation als Führungskraft arbeitest und am 16. Juni von 12 bis 14 Uhr in Hamburg dabei sein willst, freuen wir uns sehr, dich zu DEEP LUNCH #2 zu begrüßen. Hier kannst du dich anmelden.
Passend zum Thema Effectuation haben wir als heutiges High Five fünf, äh, sieben Inspirationen zusammengetragen.
Viel Freude damit und bis bald.
Herzliche Grüße
Dirk, Jörg und Valentin

1. Effectuation-Prinzipien x Workshop-Regeln: enge Verwandte, treue Begleiter*innen
Die fünf Prinzipien von Effectuation sind nicht nur für Unternehmer*innen äußerst nützlich. Sie lassen sich auch gut als Regeln und Vereinbarungen für Workshops umnutzen. Interessant ist, dass diese Prinzipien vielen anders lautenden Workshop-Agreements ähneln.
Wir haben das mal zum Anlass genommen, ein unvollständiges Mapping von Facilitation-Regeln und Workshop-Agreements mit den Effectuation-Prinzipien zu erstellen. Dabei haben wir auch mal geschaut, wo diese diese Regeln eigentlich ihren Ursprung haben. Die Übersicht zeigt damit auch, wo viele unserer Facilitation-Bezüge liegen. Hier geht es zum Mural.

2. Effectuation Check-in: Unternehmerische Gespräche führen
Workshops werden besser, wenn die Menschen gut beieinander ankommen und sich anders begegnen. Auch hierfür haben die Effectuation-Prinzipien einiges zu bieten.
Wir haben uns ein Set an Fragen zusammengestellt, um Menschen im Rahmen einer Speed-Dating-mäßigen Mad Tea Party in fünf Runden zu je einem der fünf Effectuation-Prinzipien sprechen zu lassen und aufzuwärmen.
- Spatz in der Hand: Welche Fähigkeit, welches Wissen oder welchen Kontakt hast du — von dem deine Kolleg*innen noch nichts ahnen?
- Patchwork-Liebe: Wen kennst du inner- oder außerhalb der Organisation, der/die eines eurer Projekte auf unerwartete Weise bereichern könnte – durch Wissen, Zugang oder einfach eine andere Perspektive?
- Kostprobe: Wann hast du schon mal viel gewagt und alles verloren — beruflich wie privat?
- Limonade: Wann hat dich zuletzt eine Überraschung — beruflich oder privat — aus der Bahn geworfen, und du hast daraus unerwartet etwas Gutes gemacht?
- Pilot*in im Cockpit: Worauf wartest du gerade — obwohl du es selbst anstoßen könntest?
Nach so einem Check-in lassen sich dann die Prinzipien dazu als Workshop-Vereinbarungen vorstellen, Zusammenhänge mit Effectuation herstellen. Oder es kann erklärt werden, warum sie nicht nur für Workshops nützlich sind, sondern sie helfen, auch in Transformationsprojekten schnell ordentlich Wumms zu erzeugen. Vielleicht machen wir daraus ja mal ein Kartenspiel. Vielleicht sogar mit kopfstandmäßigen Rückseiten, die anregen, wo rationale Planung nicht funktioniert hat (Danke an Anna Zinßer für die Inspiration). Oder wir schreiben die Effectuation-Fragen auf Jenga-Holzblöcke, so wie Kerri Price.

3. Mittelanalyse im Raum: die additive Soziometrie
Beim eingangs erwähnten Effectuation-Kochen mit dem Team eines Unternehmens wollten wir allen sichtbar machen, welche Koch- und Event-Fähigkeiten unwissentlich in der Gruppe schlummern. Dafür haben wir auf die additive Soziometrie zurückgegriffen, die ansonsten eher selten zum Einsatz kommt.
Und die geht so:Alle stehen zunächst auf einer Grundlinie (wir hatten eine Turnhalle zur Verfügung). Es wird eine Aussage vorgelesen und alle, auf die das zutrifft, treten einen Schritt vor. Kurze Nachfrage und der Hinweis an alle, genau zu beobachten, wer sich wann bewegt.
Eine weitere Aussage wird vorgelesen und erneut treten alle vor, auf die das zutrifft. Selbstverständlich gehören auch kurze Nachfragen dazu. Das Besondere aber ist, dass niemand wieder zurück auf die Grundlinie geht. Nach und nach ergibt sich so ein Bild, wer in der Gruppe besondere Expertise hat. Bei unserem Effectuation-Kochen haben wir 15 Fragen gehabt.
Das Spannende: Plötzlich wurde deutlich, dass es im Team Menschen gibt, die sehr erfahren und versiert in Sachen Kochen und Events sind. Menschen, die ansonsten keine Führungsrolle haben. Das Wissen um diese Fähigkeiten sorgte für Vertrauen und Zuversicht. Schließlich galt es ja für 25 Menschen gemeinsam ein Dinner ohne Fahrplan und Rezept zu zaubern!

4. Die Zitronen-Retro: Besser mit Unvorhergesehenem umgehen
“Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus.” Das ist leichter gesagt als getan und will gekonnt sein. Die Fähigkeit, Zufälle und Unvorhergesehenes aufzugreifen und als Chancen zu nutzen, ist in vielen Teams und Organisationen eher unterdurchschnittlich ausgebildet. Um darin besser zu werden und Dynamic Capabilities (David Teece) auszubauen, haben wir solch eine Reflexion jüngst in Retrospektiven und Standups eingebaut, z.B. mit Fragen wie:
- „Inwiefern* hat uns im letzten Sprint etwas überrascht?“
- „Inwiefern* konnten wir diese Zufälle und unvorhergesehenen Entwicklungen aufgreifen und nutzen?“
Spannend daran ist, dass durch die Aufmerksamkeit in der Retro die Wahrnehmung von Zufällen und das Ergreifen von Chancen deutlich zugenommen hat.* Es geht einfach nichts über Inwiefern-Fragen.

5. The Star: Effectuation spielerisch erlebbar machen?
Theorien und Denkmodelle anhand von Spielen erleb- und erfahrbar zu machen, ist etwas, das wir häufig und gern tun. Bislang fehlte uns solch ein Spiel für Effectuation – trotz intensiver Suche.
Über Heiko Bartlog sind wir auf das Spiel „The Star“ aufmerksam geworden, eine Variante der blinden Geometrie. Mit verbundenen Augen hält eine Gruppe ein Seil und muss daraus blind und ohne loszulassen einen Stern legen. Aber nicht irgendeinen Stern, sondern ein Pentagramm. Anschließend lassen sich alle fünf Prinzipien schön anhand der Erfahrung verdeutlichen. Noch steht die Probe aufs Exempel aus. Also, wer weiß, ob auch daraus ein Lieblingstool wird, wie auch der “Marktplatz der Macher*innen” eines ist.
Wenn du andere Spiele oder erlebnisorientierte Formate kennst, um Effectuation einzuführen, freuen wir uns sehr über eine Nachricht von dir.

6. Der nächste kleine Schritt: wer handelt, ändert das Spiel
Eine wichtige Grundhaltung von Effectuation ist es, schnell und klein anzufangen. Nicht lange zu analysieren oder zu planen, nicht auf den richtigen Moment oder das “Go” von oben zu warten, sondern im Rahmen der eigenen Möglichkeiten direkt loszulegen. Dahinter steht die Erfahrung, dass in Situationen mit hoher Unsicherheit keine gute Planung möglich ist. Ein erster kleiner Schritt führt jedoch zu Resonanz und zum nächsten kleinen Schritt. Der erste Schritt ist oft schwer. Aber im Gehen fällt man quasi in den nächsten Schritt. Oder um es mit Martin Walser zu sagen: „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“
In Beratungsprojekten stellen wir daher häufig die Frage, inwieweit ein Vorhaben nicht auch kleiner und schneller starten könnte. Vor allem wenn Sätze fallen wie “Da müssen wir mal eine Markt-/Kunden-/ oder XY-Analyse machen.”
Dieser Haltung entspricht auch eine der Liberating Structures: die 15% Solution. In der Methodenbeschreibung heißt es: “15% Solutions zeigt die Aktionen auf, die – egal wie klein – von jedem sofort durchgeführt werden können. Selbst wenn diese das große Problem nicht sofort komplett lösen, sorgen sie zumindest für Bewegung. Und Bewegung kann einen riesigen Unterschied machen. 15% Solutions zeigen uns, dass es keinen Grund gibt, auf etwas zu warten, sich machtlos oder verängstigt zu fühlen.” Die 15%-Logik geht auf die Organisationstheoretiker Gareth Morgan and Asaf Zohar zurück.

7. Ahnenforschung: Bricolage für Wirkung statt Ergebnisse
Als junge Menschen hat uns MacGyver schwer beeindruckt. Immer wieder konnte sich der Serienheld über die verrücktesten Umwidmungen von Dingen aus den unpässlichsten Situationen befreien und die Bösen zur Strecke bringen. Dieses Prinzip der radikalen Mittelorientierung und -kombination wird auch Bricolage genannt und entspricht sehr unserem Agieren in Workshops und dem Entwickeln von Organisationen. Um Wirkung zu erzeugen und Teams und Organisationen voranzubringen, schauen wir auf alles, was irgendwie da ist und sich nutzen und umnutzen lässt. Dabei nutzen wir auch schon mal Methoden bewusst anders als gedacht. Der Blick auf mögliche Wirkungen einer Intervention im weiteren Prozess ist etwas fundamental anderes als die Orientierung an Ergebnissen im Workshop. Und etwas, das uns sehr wichtig ist.
Bricolage wurde 1962 vom Ethnologen Claude Lévi-Strauss vorgestellt, also 40 Jahre vor Effectuation. Lévi-Strauss grenzt die improvisierende Bricoleur*in von der rational-planenden Ingenieur*in ab. Effectuation grenzt kreative Unternehmer*innen von rational-planenden Manager*innen ab, aber das Muster ist ähnlich. Und der jüngst verstorbene Organisationsforscher Karl E. Weick hat Bricolage in seiner populären Analyse des Mann-Gulch-Waldbrands 1993 genutzt, um über die Resilienz von Organisationen nachzudenken. Von dort stammt auch ein Satz, der für uns wegweisend ist: “Drop your tools or you will die.”





