Hallo,
lasst uns mehr miteinander reden. Offen und von Herzen, mutig und verletzlich. Lasst uns vor allem aber mehr zuhören. Noch offener, noch mehr von Herzen, ebenso mutig. Ebenso verletzlich. In der Arbeit mit unseren Kunden, in der Arbeit an uns und im Netzwerkaustausch sehen wir gerade Bedürfnis für mehr Empathie, mehr gegenseitiges Verstehen, mehr Begegnung. Das mag viele Gründe haben: Home-Office-Einsamkeit zum Beispiel, oder übervolle Terminkalender und Zeitstress, der kaum Platz für Nebengespräche lässt.
Und vermutlich liest sich dieses Bedürfnis auch als hoffnungsschimmernde Gegenbewegung zur gesellschaftlichen Polarisierung und zum aktuellen Weltgeschehen. In unseren Workshops nutzen wir viele Methoden, die dieses Bedürfnis nach Empathie und Austausch stillen sollen.
Eines unserer Lieblingstools ist der “Deep Talk”, dessen verschiedene Varianten wir euch unter anderem in diesem High Five vorstellen möchten.
Aufs Zuhören! Auf die Empathie! Auf die Verständigung!
Alles Gute
Dirk, Jörg & Valentin

1. Radical Softness: Verletzlichkeit als Stärke
Im letzten Newsletter ging es um die Workshop-Regel Chatham House vs Las Vegas. Dabei kam zu kurz, dass wir Workshop-Regeln schon lange nicht mehr als feste Regeln ansehen, sondern eher als Prinzipien. Und immer seltener hängen wir sie zu Beginn als Sticky-Notes auf.
Wir haben neulich schon darüber geschrieben, wie hilfreich es für Perspektiven-Vielfalt und freie Kommunikation sein kann, wenn Führungskräfte sich verletzlich zeigen. Das gilt natürlich nicht nur für Führungskräfte, sondern für alle Teilnehmer*innen – und für uns als Moderator*innen ebenso.
Wenn wir unsere vermeintlich schwachen Seiten und Angriffspunkte mutig im Workshop sichtbar machen, wird die Bindung zur Gruppe stärker. Und vor allem öffnen wir damit das Tor dafür, dass auch andere mutiger werden und sich öffnen. Das kann geplant geschehen, etwa wenn wir in einem Story-Circle mit einer persönlichen und emotional aufgeladenen, verletzlichen Geschichte anmoderieren. Oder es kann aus der Situation heraus geschehen wie z.B. in dem Moment, als Valentin mit Tränen aus privater Nutzerperspektive über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Kunden-Service eines Versicherers sprach.
Dieser Mut, das Zerbrechliche mit ins Gemeinsame zu holen und keine Angst vor eigenen Gefühlen und Emotionen zu haben, wird in solchen Runden dann zum Gegenteil einer vermeintlichen Schwäche – und landet, wenn’s gut läuft, peu à peu als Stärke im Koffer der Beteiligten.
PS: An dieser Stelle gehen Grüße raus an unsere Netzwerk-Freunde von Kessel & Smit, denn deren zauberhafte Veranstaltung „Salon – Meine Rolle in einer sich transformierenden Welt – die Konflikte, die mich rufen“ ließen Valentin in der Schlussrunde in etwa sagen: “schön, dass wir heute gemeinsam Verletzlichkeit salonfähig gemacht haben”.
PPS: Über einen LinkedIn-Beitrag von Judith Muster sind wir auf den Begriff der “radical softness” gestoßen, der die Verletzlichkeit als Gegenentwurf zum dominierenden Toughness-Narrativ setzt. Den Begriff kannten wir bislang nicht, wissen aber jetzt, dass das Konzept politischen Ursprungs ist, daher auch das “radikale”.

2. Facilitation Skill „Nunchi“
Kennst du den Begriff “Kuchisabishii”? Der kommt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie: Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber ich esse etwas, weil mein Mund sonst so einsam ist. Schön. Poetisch. Nun, endlich haben wir auch einen Begriff für ein Phänomen gefunden, das eine wichtige Fähigkeit für uns Facilitator*innen ist:
Mit “Nunchi” wird im Koreanischen die Fähigkeit bezeichnet, eine Situation zu “lesen” und Atmosphäre und Stimmungen im Raum zu spüren. Gerade für Menschen, die Workshops oder Meetings leiten, ist die Eigenschaft, unterschwellige Informationen aufzunehmen und darauf zu reagieren, besonders wichtig, um eine Verbindung zur Gruppe und zu einzelnen Teilnehmer*innen aufzubauen.
Das Ungesagte, das wir in Workshops wahrnehmen, spiegeln wir entweder an die Gruppe zurück (“Ich nehme hier gerade eine etwas unangenehme Stille wahr. Wie wirkt das auf euch?”) oder, wenn wir heiklere Themen vermuten, in Einzelgesprächen in der Pause (“Ich habe dich eben lauter und ungehaltener erlebt als sonst. Habe ich das richtig wahrgenommen?”). Manche Stimmungen sind gar nicht so leicht zu lesen, daher ist es ein großer Vorteil, dass wir fast immer im Tandem moderieren. So kann sich die Person, die gerade nicht im Moderations-Lead ist, verstärkt auf “Nunchi” konzentrieren.

3. Deep Talk: Empathie und sozialen Schutzraum stärken
Eines unserer Lieblings-Tools ist der “Deep Talk”. So nennen wir die Gesprächsrunden, die eigentlich keine Gesprächsrunden sind, sondern in Reihe geschaltete Monologe. Dabei bringen wir die Teilnehmer*innen in Trios (oder Quartette), in denen jede*r einen Monolog hält – zu einer möglichst offen gehaltenen Frage wie zum Beispiel “Wie geht es dir gerade?”
Als Zeitspanne für diese Monologe wählen wir meist und je nach Anlass und Agenda acht bis 15 Minuten. In dieser Zeit hören die anderen “nur” aktiv zu, kommentieren nicht und stellen keine Nachfragen.
Das größte Stöhnen ernten wir oft zu Beginn, weil viele sich nicht zutrauen, zehn Minuten am Stück zu sprechen. In der Reflexion ist diese methodisch leichtgewichtige Intervention meist ein Highlight. Weil Dinge geteilt wurden, die sonst nicht zutage kommen. Weil Beziehungen vertieft wurden. Weil viele sich fragen, warum sich sonst eigentlich nie jemand wirklich zuhört. Und auch weil einige merken, dass sie Probleme haben, sich solange auf eine Person zu fokussieren.
Das Schönste an dieser Methode ist für uns die Nachwirkung. Wenn wir Deep Talk recht früh in einem Workshop setzen, nehmen wir verlässlich wahr, dass die Gesprächskultur im weiteren Verlauf anders ist als sonst: wertschätzender und zuhörender.
Einen echten Unterschied macht beim Deep Talk das Setting. Wenn die Kleingruppe teils auf der Couch lümmelt oder wildwest in der Gegend herumspaziert, laufen die Gespräche anders, als wenn wir stattdessen akkurate Drei- oder Vierecke mit Stühlen aufstellen, die aufeinander ausgerichtet sind und fast schon zu nah beieinander stehen. Für uns steht fest: der physische Fokus verstärkt den Empathie-Motor.

4. Deep Talk in der “Spiral-Variante”
Eine Abwandlung des Deep-Talk ist die „Spiral-Variante“. Sie funktioniert nach dem gleichen Grundprinzip, hier wird die Redezeit aber kleiner geschnitten und auf mehrere Runden verteilt.
Es gibt also auch hier eine Fragestellung wie “Wie geht es dir gerade?”, oder fokussierter: “Wie geht es dir gerade als Führungskraft?” oder “Wie geht es dir mit der laufenden Reorganisation?”
Vier Personen sitzen nun wie beim Deep Talk zusammen. Eine Person beginnt und monologisiert vier Minuten lang. Dann geht es reihum weiter, bis wieder Person eins an der Reihe ist und erneut vier Minuten spricht. Das geht so lange im Kreis weiter, bis jede Person drei Mal vier Minuten geredet hat.
Wir nennen diese Variation deswegen “Spirale”, weil die Monolog-Situation dreimal die Runde macht und dadurch nachfolgende Redner*innen immer Bezug nehmen können auf das, was vorher gesagt wurde. Die Stärke dieser Variante liegt darin, noch mehr verbindende Wirkung zu entfalten als der einmalige Monolog. Denn hier beziehen sich Aussagen aufeinander, Gedanken werden aufgenommen, weiter- oder in eine andere Richtung geführt – und es entspinnt sich so etwas wie ein stark verlangsamtes Gespräch.
Kennengelernt haben wir diese Variante durch Josef Merk als Format “Sprechen und Zuhören”.

5. Deep-Talk mit Zuhörer*innen-Rollen
Manchmal vergeben wir in den Kleingruppen Rollen. So kann es zum Beispiel sinnvoll sein, eine*n Zeitnehmer*in zu bestimmen und jemanden, der nach Ende der Redezeit eine wertschätzende Zusammenfassung des Gesagten teilt.
Die Arbeit mit Rollen lässt sich wunderbar erweitern, indem Zuhörende explizite Rollen füllen, die auf einzelne Aspekte des Monologs fokussieren und aus denen heraus sie anschließend wertschätzendes Feedback geben und ihre Wahrnehmung zurückspiegeln.
Spannende Rollen sind hier etwa “Ratio”, “Emotion” und “Entschlossenheit”:
Die Rolle „Ratio“ mit der Perspektive des Verstandes:
- Welche Fakten und Erkenntnisse gab es?
- Wo gab es Schwerpunkte? Wo Widersprüche?
- Wie habe ich das Gegenüber auf inhaltlicher Ebene wahrgenommen?
Die Rolle „Emotion“ mit der Perspektive des Mitgefühls:
- Wie hat sich dieser „Monolog“ angefühlt?
- Welche Emotionen habe ich wahrgenommen?
- Welche Stimmungen, Regungen, Gefühle sind hervorgetreten?
- Wie haben die Worte auf mich gewirkt?
Die Rolle „Mut & Entschlossenheit“ mit der Perspektive der Handlungsenergie:
- Wie habe ich die Energie gerade wahrgenommen?
- Wie viel Mut oder Entschlossenheit habe ich gespürt?
- Wie stark war der Wille zur Gestaltung?
In dieser Variante bestehen die “Deep Talk”-Gruppen aus vier Personen (drei Zuhörer’innen-Rollen plus Sprecher*in), und in jeder Runde wechseln die Rollen, sodass jede*r einmal jede Rolle übernehmen kann. Wenn du Erfahrungen mit anderen Zuhörer*innen-Rollen gemacht hast, freuen wir uns, davon zu lesen.
Du suchst Begleitung für ein Management-Offsite oder einen komplexen Workshop? Du kommst in deinem Transformationsprozess nicht weiter oder brauchst für dein Event eine Prise Aktionsmethoden?
Schreibe uns gern eine Mail! Und wie immer freuen wir uns auch über Feedback zu diesem Newsletter.




