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Was man mit Macht in Moderationen macht

Unternehmen-Macht-Politik

Wer mit Menschen in Gruppen arbeitet und sie bei Erneuerungsprozesse begleitet, stolpert sehr schnell über die Themen Macht, Einfluss und Interessen. Mit diesem Beitrag möchte ich mich diesen spannenden und komplexen Themen in einem ersten Schritt nähern. Es geht um die zehn wichtigsten Akteure der Macht und wie man diese in Workshops und Moderationen berücksichtigt.

Keine Macht für Niemand?

Das ist zwar noch immer eines der tollsten Alben, aber weiter denn je von der Wirklichkeit entfernt. Macht ist in allen Unternehmen, Gruppen, Familien, Clans oder Netzwerken ein Dauerthema. Selbst und gerade in sogenannten hierarchiefreien oder sozialen Zusammenhängen sind nie alle gleich. Einige haben immer mehr zu sagen als andere. Einige finden mehr Gehör als andere. Einige wollen etwas, andere aber auch. Und schon ist man mittendrin im großen Geschacher. Macht ist immer auch ein zentrales Thema, wenn es um Strategie- oder Innovationsthemen geht. Schließlich werden viele Karten neu gemischt. Aber Machtfragen führen nicht automatisch zu Konflikten oder Grabenkämpfen, sie können auch grandiose Beschleuniger sein und neuen Zusammenhalt hervorbringen. Wer die wichtigsten Mächtigen zusammenbringt, kann mehr und Größeres bewegen. Denn: Allein machen sie Dich ein. Und einer muss immer den ersten Schritt machen.

Macht ist kein Zwang

Bevor wir auf die praktischen Aspekte eingehen, möchte ich einige grundsätzliche Gedanken voranstellen. Macht ist ein viel genutzter, aber auch schwieriger Begriff. Macht unterscheidet sich von Zwang. Denn diejenigen, über die Macht ausgeübt wird, haben die Möglichkeit, sich anders zu verhalten, dagegen zu halten, mit den Mächtigen zu spielen oder das Machtspiel zu ignorieren. Menschen, die zu etwas gezwungen werden, haben diese Wahlfreiheit nicht. Zudem wird Macht häufig subtil und implizit ausgeübt. „Raffiniertere Macht setzt dem Willen des anderen den Rahmen und die Regeln. Macht in höchster Raffinesse greift nach dem Willen des anderen“, heißt es in einem tollen Leitartikel des Magazins Hohe-Luft. Die Mächtigen haben die Wahl, ob sie ihre Macht ausspielen und wie sie ein Nicht-Befolgen ahnden. Macht hat also immer etwas Unberechenbares und Willkürliches. Die Hohe Luft Ausgabe 06/2014 hat einen großartigen Leitartikel zum Thema für alle, die tiefer einsteigen wollen.

Die 10 Typen der Macht

Im Metaplan-Qualifizierungsprogramm “Diskursive Beratung” habe ich gelernt, dass Macht die „Kontrolle von Unsicherheitszonen“ ist. Weil ich etwas kontrolliere, das für andere unsicher ist, habe bzw. gewinne ich an Macht. Da mir diese Formulierung häufig zu abstrakt ist, möchte ich dies gerne konkretisieren, denn grundsätzlich geht es darum, dass nicht nur diejenigen Macht haben, die oben in der Hierarchie stehen, sondern jede/r Macht haben und ausüben kann.

Diese 10 Machttypen trifft man häufig im Umfeld von Moderationen.

  1. Führungskräfte: Wer in der Hierarchie weiter oben steht, hat in den allermeisten Organisationen mehr zu sagen als diejenigen, die auf einer niedrigeren Stufe stehen. Und zwar auch im Umgang mit Mitarbeitern anderer Abteilungen, denen er oder sie eigentlich nichts zu sagen hätte. Hier gibt es das sog. HiPPO-Phänomen: HiPPO = highest paid people opinion.
  2. Leistungsträger: Wer viel bewegt und zum Erfolg des Unternehmens beiträgt, leitet daraus häufig Ansprüche ab. Da niemand auf diese Leistungen verzichten will, gesteht man Leistungsträgern eine größere Mitsprache zu. In vielen Unternehmen ist dies z.B. der Vertrieb.
  3. Netzwerker: Wer gut in der Organisation vernetzt ist, ist in der Lage andere zu mobilisieren und für sich zu gewinnen. Je größer und komplexer das Unternehmen oder die Organisation, desto wichtiger werden solche Netzwerke. Das Problem: Netzwerker sind häufig nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Man muss sie suchen.
  4. Experten: Wer eine besondere Fachexpertise hat, wird in Fachfragen konsultiert. Wenn z.B. die Rechtsabteilung sagt: „Das geht nicht, weil …“, dann wird es für andere sehr schwer, sich gegen diese Position durchzusetzen.
  5. Alteingesessene: Wer lange dabei ist, verfügt über Kenntnisse, Kontakte, Wissen und Erfahrungen aus der Unternehmenshistorie, die anderen fehlen. Zudem werden sie als „alte Hasen“ von vielen respektiert und anerkannt.
  6. Verlierer: Wer viele Opfer gebracht, viel verloren hat oder viel ab- oder aufgeben musste, leitet daraus Ansprüche ab, mitzusprechen, zukünftig verschont oder entschädigt zu werden. Dies entwickelt häufig eine Eigendynamik, die auch als Opferökonomie bekannt ist: Ein Wettrennen um den Titel des größten Opfers.
  7. Vertraute: Wer einen besonderen Zugang oder Nähe zu einem Mächtigen hat, verfügt über Möglichkeiten der Einflussnahme. Klassischerweise sind dies Positionen wie Berater, Sekretäre, Referenten, Assistenten, aber auch Freunde, Familie oder Affären. Anders als bei den Netzwerkern ist hierfür kein großes Netzwerk erforderlich.
  8. Anwesende: „Wer nicht da ist, hat Unrecht“. Nach diesem Motto werden häufig Entscheidungen getroffen. Wer anwesend ist, bekommt viel mit und kann viel beeinflussen. Davon kann jeder Mitarbeiter einer Länderorganisation oder jeder Home-Office-Arbeiter ein leidvolles Lied singen. Das gilt umso mehr für Workshops. Denn dort gilt: „If you´re not at the table you´re on the menu.“
  9. Unterstützer: Wer andere bei einem Anliegen unterstützt und ihnen behilflich ist, wird beizeiten auf diese zurückkommen und ebenfalls um einen Gefallen bitten. Ganz nach dem Motto des Paten Don Corleone: “Eines Tages, möglicherweise jedoch nie, werde ich Dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen.” Teilweise wird dies eng geführt im Sinne eines “Tit for tat”. Teilweise wird es unverbindlicher gehandhabt. Grundsätzlich gilt jedoch: There is no free lunch.
  10. Geldgeber: Mit Geld kommen Einfluss und Interessen. Wer Geld gibt, hat Erwartungen und redet mit. Egal ob dies Banken, Gesellschafter, Investoren oder der Staat sind. Häufig werden diese Mächtigen zu wenig berücksichtigt, zumal sie in Moderationen so gut wie nie teilnehmen.
  • Externe gewinnen an Macht. Die Zahl der externen Partner, mit denen Unternehmen direkt oder indirekt zusammenarbeiten müssen, nimmt zu. Damit gibt es auch mehr externe Dienstleister, Partner, Lieferanten etc. mit Macht. Aber auch NGOs, Aktivisten, Bürger, Konsumenten, Blogger und Medien können sich leichter Gehör verschaffen und gewinnen an Einfluss.

Wie kann man Macht in Moderationen berücksichtigen?

Diese Gemengelage macht viele vermeintlich einfache Vorhaben komplex. Bei der Vorbereitung von Strategie- und Innovationsworkshops beschäftigen wir uns daher sehr häufig mit Machtfragen, weil diese starken Einfluss darauf haben, inwieweit ein Vorhaben vorankommt, Unterstützer gewinnt oder Ressourcen zugeteilt bekommt. Mächtige und Machtfragen begleiten einen vom ersten Gespräch an.

  1. Fragen der Macht helfen einem den Auftrag zu klären.

Zu Anfang geht es darum herauszufinden, worum es wirklich geht. Was will der Auftraggeber? Wer will noch etwas? Worauf stützt sich deren Macht? Häufig sind genau diese Vorüberlegungen der Grund für die Durchführung eines Workshops. Man will die wichtigsten Mächtigen an einen Tisch bringen, um das Vorhaben gemeinsam voranzubringen. Dafür werden Themen berührt und expliziert, die bislang unausgesprochen und impliziert blieben. Und es werden Dinge berührt, die nicht thematisiert werden wollen.

  1. Macht spielt bei der Auswahl der Teilnehmer eine wichtige Rolle.

In der Vorbereitung machen sich viele Führungskräfte große Gedanken, wer z.B. an dem Workshop, Retreat, Offsite. teilnehmen darf oder muss und wen man nicht dabei haben will. Wen sollte man einbeziehen, wen muss man berücksichtigen und wen sollte man gerade nicht involvieren? So kann es z.B. sinnvoll sein, jemanden einzuladen, der keine Entscheidungsbefugnisse hat, aber informell über großen Einfluss verfügt.

  1. Macht sichtbar machen

In Workshops gibt es verschiedenste Tools Macht sichtbar und damit besprechbar zu machen. Dies kann z.B. durch Aufstellungen im Raum erfolgen („Wer ist wie lange im Unternehmen?“). Man kann konkrete Situationen dekonstruieren und in der Reflektion dessen thematisieren, wie Entscheidungen zustande kamen und wer wen beeinflusst hat. Oder man macht einzelne Teilnehmer gezielt zu Beobachtern, die ein besonderes Augenmerk darauf legen, wer wie welchen Einfluss geltend macht.

  1. Neue Mächtige für sich gewinnen

Wenn es zum Ende von Workshops um die nächsten Schritte geht, gibt es häufig die Überlegung, mehr Personen hinzuziehen. Diese sollen einen entweder durch Expertise unterstützen oder das Projekt nach oben, nach unten oder zu anderen Abteilungen protegieren. In beiden Fall geht es darum, Mächtige für das Projekt zu gewinnen, die bislang nicht beteiligt waren. Das erfordert überzeugende Argumentationsketten.

  1. Externe Mächtige berücksichtigen

Viele Vorhaben sind auf externe Mitwirkung angewiesen. Partner, Dienstleister und Lieferanten müssen mitziehen. NGOs und Bürgerinitiativen könnten querschießen. Die Medien und Kunden sollten berücksichtigt werden. Hier haben sich bei uns sogenannte Stakeholder-Profile bewährt. Man erstellt für alle wichtigen Stakeholder ein Profil und benennt deren Interessen, Motivationen und Auffassungen und arbeitet heraus, wann man mit diesem Akteur in Konflikt gerät und wann man gut zusammenarbeitet. Diese Profile kann man dann zusätzlich über Rollenspiele zum Leben erwecken.

In diesem Sinne: „Möge die Macht mit Euch sein.“ Mit dem Gruß der Jedi möchte ich diesen Post schließen, aber nicht ohne Euch vorher gefragt zu haben:

Wie geht Ihr mit dem Thema Macht in Moderationen oder Meetings um?

Jörg Jelden

Jörg Jelden

Jörg arbeitet als Berater und Moderator in Strategie-, Innovations- und Organisations-Angelegenheiten. Er lebt in Hamburg und ist seit 2010 selbständig. Jörg hilft Führungskräften, Vorhaben mit vielen Beteiligten voranzubringen. Neben Workshops moderiert Jörg auch Events und Konferenzen wie die NEXT sowie die Think-Tanks „Agenturen der Zukunft“ und „Marketingorganisation der Zukunft“. Jörg wird regelmäßig als Keynote-Speaker gebucht. Er ist Lehrer an der Good-School und Metaplan Professional. Als Ausgleich zur Kopfarbeit macht Jörg Aikido, liest Comics oder Science-Fiction-Bücher oder verbringt Zeit mit seiner Familie.

www.bathenjelden.com
Kontakt auf Xing
Jörg Jelden
  • Dieter Bickenbach

    Schöner Artikel. Spricht mir in vielem aus der Seele. Besonders gut gefallen haben mir zwei Punkte:
    1. Macht gibt es gerade auch dann, wenn es keine formalen Hierarchien gibt. (Ich könnte da einiges aus der Gründungszeit der TAZ erzählen ;-))
    2. Die Verlierer werden zu den Mächtigen gezählt.
    Und eine Antwort auf die Frage gibt es auch:
    Wenn es der Kontext hergibt, kombiniere ich gerne Stakeholder-Analyse und Aufstellungsarbeit. Geht aber nicht oft.

  • jk

    Lieber Jörg,

    dank dir für den Artikel.
    Den Zugang, den du gewählt hast, finde ich hilfreich: das konkrete
    Beschreiben von Macht- oder eigentlich ja Mächtigen-Typen.

    Eine solche Auflistung würde natürlich, wäre einem danach, gleich wieder bestritten werden können ob ihrer Unvollständigkeit usw. – aber wenn man diese Auflistung und die Beschreibung der Typen nimmt als einen Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema, dann wird dieses Konkrete sofort sehr hilfreich.

    Was mir bei der Beschreibung der Typen von Mächtigen noch wichtig wäre: dass Macht jeweils beansprucht wird (das kommt bei dir sehr klar heraus), zugleich aber zugeschrieben und unterstellt wird (das kommt weniger deutlich heraus).

    Oft ist es ja so, dass (zum Beispiel bei Menschen, die eine große Nähe zu Führungskräften haben) ein Maß von Macht unterstellt wird, das weder gefordert noch erlebt wird – trotzdem entfalten ja gerade auch diese Zuschreibungen enorme Wirkungen, weil diese Unterstellungen ja zurückwirken auf die Untersteller …

    Hier wäre dann ein weiterer Ansatz für die Arbeit des Moderators: Zuschreibungen berücksichtigen, prüfen, ggf. als bloße Unterstellungen sicht- und erlebbar machen …

    LG

    j

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