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Füllwörter und Worthülsen

Redewendungen

Ich finde, Sprache ist etwas sehr Schönes, und ich freue mich über jede Premiumformulierung. Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille, die dunkle Seite rhetorischer Brillanz: Füllwörter und Sprachblasen die sich immer mal wieder in den Wortschatz drängeln. Mit diesem Artikel möchte ich mich und Euch für zwei Dinge sensibilisieren: Erstens, und das wisst Ihr schon: Vermeidet Füllwörter, sie schwächen nur die eigentliche Botschaft. Zweitens, und das ist das Spannende: Achtet als Moderator darauf, wie Diskussionsteilnehmer Füllwörter benutzen und versucht sie durch Nachfragen zu dekonstruieren. Das kann Euch helfen, versteckte Einschätzungen und Konflikte an die Oberfläche zu bringen.

Sprachliche Luftpolsterfolie

Das Fiese ist, dass man Füllwörter, dieses sprachliche Verpackungsmaterial, das sich um die wichtigen Aussagen kuschelt wie Luftpolsterfolie, oftmals nicht realisiert. Sie kommen unterbewusst über die Lippen. Ich habe Floskeln in meinem Wortschatz, die sind mitunter schon so selbstverständlich, dass ich sie gar nicht bemerke. Und bei Vorträgen oder in Workshops, die ich alleine gebe, dreht sich meistens alles um den Inhalt. Noch nie ist ein Zuhörer oder Teilnehmer zu mir gekommen und hat gesagt: „Sie haben aber ganz schön oft ´sozusagen` gesagt.“

Umso schöner finde ich es, wenn man Workshops zu zweit moderiert und sich gegenseitig Feedback geben kann, zum Beispiel zur Häufigkeit der sinnfreien Wörter, die man im Laufe eines Tages in den Raum atmet. Ich oute mich mal: Bei mir sind das überwiegend Begriffe wie „einfach mal“ oder „ein bisschen“. Hin und wieder auch „sozusagen“, und „natürlich“ ist auch so ein Wort, das meistens nicht dahin gehört, wo es ausgesprochen wird. Vom klassischen „ähm“ mal ganz zu schweigen.

Sinnüberschuss entschlüsseln

Als ich in einem früheren Leben in der Marktforschung gearbeitet und viele qualitative Studien durchgeführt und Fokusgruppen moderiert habe, bin ich mit der Methode der „Objektiven Hermeneutik“ in Kontakt gekommen. Das ist kein Hexenwerk, aber doch eine feinsemantische Sprachanalyse, die versucht, den Sinnüberschuss jenseits der subjektiv gemeinten Bedeutung zu entschlüsseln. Denn mittels Sprache wird nicht nur eine Botschaft transportiert, sondern auch die Weltsicht desjenigen, der etwas spricht. Der Sinnüberschuss geht weit über beabsichtigte Botschaft hinaus.

Ganz kurz zum Vorgehen bei solchen Tiefenexplorationen: Man führt ein persönliches Interview zu einem Thema, ca. 30 bis 60 Minuten, und es gibt nur 3-4 Hauptfragen. Ansonsten ist es wichtig, dass man den oder die befragte Person reden lässt, denn es kommt in der Analyse auch darauf an, was die Erstsequenz der Antwort ist, wie diese weitergeführt wird, was gesagt und was nicht gesagt wird und auch, welche Füllwörter benutzt werden.

Gesprächspausen statt Füllwörter

Ich  habe damals zwei Sachen gelernt: Erstens, und das ist für Präsentationen und Moderationen wichtig: Gesprächspausen aushalten können. Durch Schweigen konnte ich der interviewten Person zu verstehen geben, dass seine/ ihre Gesprächssequenz noch nicht zu Ende ist. Meistens kamen erst dann die wirklich spannenden Aussagen. Ich arbeite konstant an mir, einfach mal nichts zu sagen, und das ist sehr häufig schwerer, als einfach eine unprofessionelle Leerphrase zu nehmen oder zu früh in Nachfragen zu stolpern. Jedes Füllwort ist verbales Styropor, das nichts zum Inhalt beiträgt. Im Gegenteil, es kann sogar kontraproduktiv sein, und damit meine ich nicht, dass es die Zuhörer nervt, wenn jemand zum zehnten Mal „ein bisschen“ sagt, sondern dass sinnleere Weichmacher das vorher und nachher Gesagte relativieren und im Extremfall konterkarieren.

Phrasen dekonstruieren

Zweitens habe ich durch diese „Objektive Hermeneutik” gelernt, dass auch Füllwörter und Leerphrasen einen Sinn transportieren. Und der lässt sich entschlüsseln, wenn man es schafft, eine sensible Antenne dafür zu entwickeln. Denn diese Floskeln sind kein Naturgesetz. Ja, man sollte nicht überinterpretieren, solche Füllformulierungen können auch ein Persönlichkeitsmerkmal sein, und nicht in jeder Phrase steckt eine relevante geheime Botschaft. Aber es ist wichtig, ein Gespür dafür zu entwickeln und dann durch eine Nachfrage zuzustechen, um diesen Sinn an die Oberfläche zu bringen.

Alltägliche Floskeln und Redewendungen

Hier ein paar Beispiele aus eigener Erfahrung – und ja, es tut weh, sich selbst damit auseinanderzusetzen.

„Da könnten wir jetzt ein bisschen drauf rumdenken“: Wieso nur ein bisschen? Ist es nicht wichtig genug? Warum machen wir das dann überhaupt? Dieses „ein bisschen“ relativiert eine Aussage oder eine Ansage, so dass sie nicht mehr kerzengerade im Raum steht wie ein Ausrufezeichen, sondern umherwabert und mehr Fragezeichen zurücklässt als Klarheit. Also weg damit. Entweder drauf rumdenken oder eben nicht.

„Und natürlich bedeutet das auch, dass man….“: Wieso natürlich? Ist das so selbstverständlich wie der Schmerz, wenn man die Hand auf die Herdplatte legt? Gibt es quasi ein Naturgesetz, dass aus dem Einen das Andere folgt? Nein, das gibt es nicht. Es ist im günstigen Fall lediglich die Überzeugung desjenigen, der „natürlich“ sagt. Im schlechtesten Fall ist es nur ein nicht bemerktes Füllwort. Selbstverständlich gehört „selbstverständlich“ auch in diese Kategorie. Was für den einen selbst verständlich ist, muss es für die andere noch lange nicht sein. Also weg damit.

„Ganz ehrlich muss man ja auch sagen, dass…“: Ganz ehrlich? Wenn man betonen muss, dass jetzt etwas „ehrlich gesagt“ wird, dann kann das im Umkehrschluss auch bedeuten: in anderen Situationen wird etwas nicht ehrlich gesagt. Muss ich mir Sorgen machen? Ganz ehrlich: vergesst diese Floskel. Und dass das unpersönliche „man“ auf eine gewisse Distanz schließen lässt, vom „ich“ ablenken will und eine Objektivierungshoffnung zum Ausdruck bringt, das wisst Ihr sicherlich schon länger.

„Das ist sozusagen eine Idee, bei der wir….“: Sozusagen? Ist es nun eine Idee, oder ist es keine? „Sozusagen“ hat auch noch einen Bruder, der heißt „gewissermaßen“ Beide Begriffe gehören zur Familie der Leerhülsen. Verzichtet darauf, den sie sind sozusagen überflüssig.

„Also ich würde ja sagen, dass wir…“: Wieso würde? Schließlich ist es ja schon gesagt. Warum also Konjunktiv? Will der Sprecher sich damit vielleicht präventiv aus der Verantwortung stehlen? Denn wenn Kritik kommt, kann er ja immer noch sagen: „Ich hab´s ja gar nicht gesagt.“ Ich würde mal behaupten: Eine ganz schwierige Kiste ist das mit dem „würde.“

„Eigentlich ist das doch eine gute Idee, um …“: Wie wir alle wissen, ist „nett“ die kleine Schwester von „scheiße“ – und „eigentlich ganz gut“ ist die kleine Schwester von „nett“. Manchmal, wenn ich „eigentlich“ sage, wird mir die Frage gestellt: „Und uneigentlich?“ Was dann folgt ist verlegenes Lächeln, vielleicht Schenkelklopfen, aber immer bleibt das Gefühl, entlarvt worden zu sein. Warum eigentlich?

„Et cetera“ oder „und so weiter“: So etwas ist oftmals in der Schriftsprache schon anstrengend, aber auch verbal macht das keinen Spaß. Ich vertrete die Auffassung, dass man entweder eine vollständige Aufzählung abliefern sollte (“Das hat Auswirkungen auf A, B und C”), oder eine unvollständige Aufzählung, die man mit „zum Beispiel“ einführt. Aber ein „A, B, C und so weiter“ lässt den Zuhörer irgendwo in der Schwebe hängen. Sie lässt ihn allein mit der Frage: Kommt da jetzt noch was? Und wieso sagt er mir nicht, was da noch kommt? Mein Vorschlag: Verzichtet auf „und so weiter“, „et cetera“ und viele andere dieser Vielzahl suggeriernden Satzenden.

„Lassen Sie uns jetzt einfach mal zum nächsten Punkt kommen”: Wieso einfach mal? Kann man auch schwierig zum nächsten Punkt kommen? Und wenn das jetzt einfach ist, gibt es etwas anderes, das schwer ist? Ist dieses “einfach mal” vielleicht sogar ein verstecktes “Schluss jetzt, ich will weiter kommen”? Könnte es sein, dass der Moderator sogar genervt ist? Streicht einfach mal das “einfach mal” – und jeder Satz wird kürzer und enthält eine Floskel weniger, die Fragen aufwerfen kann.

Fazit (TL;DR)

Füllwörter und Leerphrasen sind nicht nur nervig und können eine Aussage relativieren und schwächen. Sie sind auch wunderbar geeignet, um als Moderator nachzubohren und herauszufinden, welcher Sinn sich hinter diesen Aussagen versteckt. Sie können Hinweise geben, wie eine Situation zu bewerten ist.

Habt Ihr auch Sorgenwörter oder professionelle Phrasen, die Ihr häufig für die Verfüllung der Leerstellen zwischen zwei großen Gedanken benutzt? Oder die Euch immer wieder in Workshops oder Meetings begegnen? Nur her damit, ich suche noch Material für ein „Füllwörter-Bullshit-Bingo“, mit dem Ihr dann die Moderatoren freundlich (aber hartnäckig) auf verbales Weichzeichnen und versteckten Sinnüberschuss hinweisen könnt. In diesem Sinne: einfach mal ein bisschen den Wortschatz entrümpeln.

Dirk Bathen

Dirk Bathen

Soziologe, Autor und Universaldilettant mit über 40 Jahren Lebens- und knapp 15 Jahren Berufserfahrung. Als selbstständiger Strategie- und Innovationsberater hilft er Unternehmen und Führungskräften seit 2012, Klarheit über Zukunftsfragen zu erlangen. Vorher war der Vater dreier Töchter Geschäftsführer im Hamburger Trendbüro und in der Marktforschung und Markenberatung tätig. Nebenbei schwärzt er alte Zeitungsartikel und veröffentlicht „Blackouts“ sowie zentrale Randnotizen und bunte Strohhalme zur Weltbewältigung auf seinem Blog mentalreserven.de.

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Soziologe, Autor und Universaldilettant mit über 40 Jahren Lebens- und knapp 15 Jahren Berufserfahrung. Als selbstständiger Strategie- und Innovationsberater hilft er Unternehmen und Führungskräften seit 2012, Klarheit über Zukunftsfragen zu erlangen. Vorher war der Vater dreier Töchter Geschäftsführer im Hamburger Trendbüro und in der Marktforschung und Markenberatung tätig. Nebenbei schwärzt er alte Zeitungsartikel und veröffentlicht „Blackouts“ sowie zentrale Randnotizen und bunte Strohhalme zur Weltbewältigung auf seinem Blog mentalreserven.de. www.bathenjelden.com www.dirkbathen.de Xing-Profil

  • Jens Kapitzky

    … hier noch ein paar beliebte Floskeln:

    „Ich stelle mal folgende These in den Raum …“ – da steht sie dann unklar bleibt: wer übernimmt dann die Verantwortung für sie?

    „Ich sag mal …“ – un-schön un-verbindlich, denn man könnte ausdrücklich auch etwas anderes sagen.

    Überhaupt die vielen Konjunktive: im Deutschen bleiben Formulierungen im Konjunktiv ja grundsätzlich weniger verbindlich als andere Formen.

    Hier setzt aber auch das Problem der Erörterung sprachlicher Floskeln jenseits ihrer konkreten Verwendungszusammenhänge ein. Die selbe Konjunktivkostruktion, die im Norddeutschen als (möglicherweise unnötig) unverbindlich aufgefasst werden kann, würde beispielsweise im Wiener Raum in der Regel als alltägliche Höflichkeitsform aufgefasst …
    Insofern wäre bei der Erörterung wohl immer der konkrete Kommunikationszusammenhang zu berücksichtigen, oder?

    • Dirk Bathen

      Danke, Jens. Ja, völlig richtig. Kulturelle Unterschiede und (in Regionen, Organisationen, Familien etc.) gelernte Sprache und Sprachbedeutungen machen das Ganze noch schwieriger. Der jeweilige Kommunikationszusammenhang ist mitunter sehr komplex und steht der Kongruenz von Gesagtem, Gemeintem, Verstandenem und Geantwortetem durchaus gern mal im Wege. Da hilft meiner Meinung nach nur: Fragen, zuhören, umformulieren.