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Bikeshedding: Wenn die Nebensache zur Hauptsache wird

Liebe Freunde des gepflegten Bullshit-Bingos, hochverehrte Workshop-Teilnehmer auf der verzweifelten Suche nach Small-Talk-Themen für die nächste Meetingpause. Unser Bürokollege Thomas, ein guter und grundgescheiter Mann in den besten Jahren, der in jeder Weise in Ordnung ist, hat mich neulich mit einem mir bis dahin unbekannten Begriff versorgt. Und für Neologismen bin ich bekanntlich so empfänglich wie ein Vollblut-Callcenter-Agent für hilfesuchende Anrufer. Bikeshedding, das ist mein Thema heute – und es ist Deine „Hausaufgabe“ im nächsten Meeting mal zu beobachten, wann und wie sich der Fahrradschuppen-Effekt zeigt.

Die Parkinson’schen Gesetze

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Ich nehme mir die Freiheit, dieses Prinzip etwas abzuändern: Wer über die wichtigen Themen nicht sprechen will, der unterhält sich eben über die Farbe der Klofliesen oder das Design des Fahrradstellplatzes. Stellvertreter-Diskussionen werden geführt, wenn man die dicken Bretter lieber nicht bohren möchte. Oder nicht zu bohren in der Lage ist.

Der Brite Cyril Northcote Parkinson hat nicht nur einen klangvollen Namen, sondern Mitte der 1950er-Jahre auch die kluge Einsicht gehabt, an der ich mich häufiger abarbeite. Das erste Parkinson‘sche Gesetz: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maße aus, wie Zeit zu ihrer Erledigung zur Verfügung steht.“ Das Phänomen ist bekannt, nehme ich an. Deadline übermorgen – Arbeit übermorgen fertig. Deadline in vier Wochen – Arbeit in drei Wochen und sechs Tagen fertig. Deswegen mag ich es auch nicht, wenn sich kleine Projekte in die Länge ziehen: weil ich trotzdem immer daran weiterarbeite, stehen Aufwand und Nutzen irgendwann in keinem guten Verhältnis mehr. Aber ich schweife ab, heute geht es schließlich nicht um (mein) Zeitmanagement.

Bikeshedding – das Gesetz der Trivialität

Was mir bislang aber von dem guten Parkinson verborgen blieb, ist sein Gesetz der Trivialität: „Die auf einen Tagesordnungspunkt verwendete Zeit ist umgekehrt proportional zu den jeweiligen Kosten.“ Soziologendeutsch, ich weiß. Aber genau das ist gemeint, wenn man vom Bikeshedding-Effekt spricht: der im Vergleich zu den wichtigen Fragen viel zu hohe Zeitaufwand, der für Nebensächlichkeiten draufgeht. Der Name ergibt sich aus dem Beispiel, das Parkinson anführt, um sein Gesetz der Trivialität zu erklären. Da hat ein Finanzausschuss zwei Minuten über den Bau eines 10-Millionen-Atomreaktors diskutiert, sich aber 45 Minuten mit einem Fahrradunterstand beschäftigt dessen Kosten nur 2000 Dollar betrugen – also quasi das 20-fache an Zeit für ein Thema, das mit Blick auf die Investitionen um das 5000-fache unwichtiger war.

(An dieser Stelle herzlichen Dank an Tim Schurig, dem klugen Kopf bei den Software-Entwicklern von mindmatters, der diesem Artikel die Reaktor-Illustrationen geschenkt hat.)

1_Bikeshedding_Reaktor_

Zielstrebig am Ziel vorbei

Warum einfache und offensichtlich belanglose Themen so ausführlich und hitzig diskutiert werden, hat meiner Meinung nach zwei Gründe. Erstens: jeder hat eine Meinung. So lässt sich Inkompetenz in Sachfragen durch ausführliche Wortbeiträge zu trivialen Punkten kompensieren. (Oh, das ist ein Satz, der auch von Peter Kruse hätte stammen können.) Fahrradschuppen-Probleme sind einfach und schmerzlos. Jeder kann mitreden. Es steht nichts auf dem Spiel. Denn was hat man schon zu verlieren? Ob der Schuppen am Ende rot oder grün ist, ob man sich für eine Siebträgermaschine oder einen Kaffeekapselautomaten in der Firmenküche entscheidet, ist im Grunde für die Organisation pupsegal.

Das nichttriviale Triviale

Der zweite Punkt ist dann aber gar nicht mehr so trivial. Denn die Menschen, die in Unternehmen arbeiten, sind ja nicht grundsäztlich blöd und uneinsichtig. Sie agieren in einem organisationalen Kontext, einer Unternehmenskultur, einem hierarchischen System. „Focus on what matters“ – es sagt sich so leicht. Die Flucht in Trivialitäten ist vor dem Hintergrund von Hierarchie und Mikropolitik nicht zwangsläufig der Inkompetenz einzelner Akteure zuzuschreiben, sondern zu einem gewissen Teil auch dem Sicherheitsdenken vieler Führungskräfte, oder genereller formuliert: einer gering ausgeprägten Fehlerkultur. Denn wer nichts riskiert, kann auch nicht tief fallen. Lieber den Mund halten, als wie der letzte Depp dazustehen. Also lieber an Kleinigkeiten den Claim abstecken, als am Großen zu scheitern. Bikeshedding kann also durchaus eine bewusste Strategie sein.

2_Bikeshedding_Reaktor mit Leuten

Die kleine Schwester der Prokrastination

Was auch immer die Motivation sein mag, im Ergebnis läuft es auf das gleiche hinaus: man kommt nicht ins Handeln, vertagt Entscheidungen, tänzelt um den heißen Brei herum und verliert sich in Nebensächlichkeiten. Das ist nichts anderes als Prokrastination im Mantel intensiver Pseudo-Beschäftigung. In fünf Minuten die neue Strategie verabschieden, die womöglich nur aus konsensproduzierenden Leerfloskeln besteht, und dann eine Stunde darüber diskutieren, was genau eigentlich der Unterschied zwischen Strategie und Vision ist (- und erstmal eine Arbeitsgruppe dazu installieren). Oder zehn Minuten über Maßnahmen für Kostensenkungen sprechen, um sich anschließend zwei Stunden darüber zu streiten, ob der neue Feelgood-Manager auch für sportliche Aktivitäten oder Mittagessens-Angebote zuständig sein sollte. Ich glaube, jeder hat seine ganz persönlichen Bikeshedding-Anekdoten.

Bikeshedding: Wenn in Diskussionen das Nebensächliche zur Hauptsache wird. Klick um zu Tweeten

Und was hat das mit Moderation zu tun?

Eine ganze Menge, habe ich festgestellt. Jedenfalls habe ich bei einem Tässchen Filterkaffee mal meinen beruflichen Alltag durch die Brille des „Bikeshedding“ betrachtet und möchte ein paar koffeingetränkte Einsichten teilen:

Das Wichtige vom Unwichtigen trennen

Ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig eine saubere Auftragsklärung ist. Und wie wichtig es ist, in einer Workshop-Vorbereitung nicht nur mit dem direkten Auftraggeber zu sprechen, sondern auch mit anderen Akteuren, die das jeweilige Thema betrifft und die an einem Workshop teilnehmen. Ein tolles Framework hierzu haben auch die XING-Leute um Arne Kittler entwickelt, den wir hier auch schon im Interview hatten. Schaut mal auf die Webseite „Auftragsklärung“. Durch diese Vorgespräche bekommt man einen guten Einblick dessen, was wichtig ist, worüber Verständigung erzielt werden muss, was entschieden werden soll. Das ist die Grundlage, um im Workshop selbstbewusst aufzutreten, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und den roten Faden nicht zu verlieren.

Erwartungen und Ziele zu Anfang klarstellen

Logisch, dass eine Agenda mit klaren Zeiten versehen ist, und die Länge der einzelnen Module legt einen Schwerpunkt auf relevante Diskussionsthemen. Genauso wichtig ist es aber auch, zu Beginn klar zu machen, was das Ziel des Workshops ist, was besprochen wird – und was auch nicht. Ein gutes Erwartungsmanagement reduziert die Gefahr, dass Teilnehmer abschweifen, denn als Moderator kann ich mich immer wieder hinstellen und auf diesen Ausgangspunkt verweisen, um die Teilnehmer zu disziplinieren. Verhindern lässt sich Bikeshedding damit aber trotzdem nicht gänzlich.

Fokussierung durch Aufschub

Ein „Themenparkplatz“ ist ein so banales wie effektives Mittel, um Diskussionen, die mit dem Thema des Workshops nichts zu tun haben, zu speichern. Dadurch gehen sie nicht verloren, gleichzeitig stören sie aber auch nicht den Flow des Workshops und sprengen die Agenda. Allerdings muss ich mich immer wieder selbst disziplinieren, in der abschließenden Diskussion der „nächsten Schritte“ diesen Themenspeicher auch zu besprechen. Das wäre mir in den letzten Projekten das ein oder andere Mal fast hinten runtergefallen. Macht man das nicht, verkommt so ein Parkplatz ganz schnell zum Alibiposter – und derjenige, der ein Thema aufgebracht hat, fühlt sich zu Recht nicht ernst genommen.

Fokussierung durch Konfrontation

Ein anderes Mittel der Fokussierung ist beispielsweise die einfache und entlarvende Frage: „Ist das wirklich Ihre wichtigste Herausforderung bei diesem Thema?“ Meist beendet das kollektive Kopfschütteln dann etwaige Stellvertreterdiskussionen. Im Grunde geht es darum, die Diskussion abzubrechen, indem man sie öffnet und auf eine Meta-Ebene bringt: Ist diese Diskussion wirklich so wichtig für Sie? Bringt uns diese Diskussion jetzt bei Ihrer Frage wirklich weiter? Worüber reden wir hier gerade eigentlich – und worüber reden wir hier auch nicht?

Meinungsfragen vermeiden

Bikeshedding erkennt man auch daran, dass es häufig um subjektive Einschätzungen geht. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Und es gibt keine Wahrheit, sondern nur verschiedene Meinungen zu einem Thema. Man braucht keine Kenntnis der Faktenlage, keine qualifizierte Hintergrundinformation, um eine Meinung zu haben. In dieser Situation  heißt es für mich als Moderator, den Schwerpunkt eher auf Klärungsfragen (Wieso ist das für Sie wichtig?), Faktenfragen (Wie viele Fahrräder stehen täglich vor der Tür?) und Erfahrungsfragen (Haben Sie Erfahrungen mit so einem Vorgehen?) zu legen – und weniger auf Meinungsfragen. So sinnvoll es meistens auch ist, die persönliche Meinung der Teilnehmer zu erfragen (Was sagen Sie zu diesem Vorschlag?), bei Nebenschauplätzen gießt man mit diesen Fragen nur Öl ins Feuer.

Das nichttriviale Triviale berücksichtigen

Wenn ich mir vergangene Workshops in Erinnerung rufe, dann stelle ich fest, dass Teilnehmer, die vom eigentlichen Thema abgeschweift sind und sich in Nebendiskussionen verloren haben, dies mitunter auch aus strategischem Interesse tun. Praktiziertes Bikeshedding ist in diesem Fall weniger eine Frage von Inkompetenz, sondern eher bewusst eingesetztes Werkzeug, um eine zielführende Diskussion zu vermeiden. Vielleicht, weil sie ein anderes Interesse oder etwas zu verlieren haben, weil für sie in genau dieser Frage etwas Großes auf dem Spiel steht. Oft bekommt man das bereits in den Vorgesprächen heraus. Und wenn diese Personen dann durch Fokus auf Nebensächlichkeiten den Workshop stören, kann ich durch bestimmte Tools versuchen, diese Situation offenzulegen, beispielsweise durch einen Perspektivwechsel oder ein kleines Rollenspiel: „Herr A ist jetzt einmal Frau C und versetzt sich in ihre Lage. Wie bewerten Sie dieses Thema aus Ihrer Sicht?“ Das schafft nicht zwangsläufig Konsens, aber häufig ein Verständnis der Situation, in der sich der/ die andere befindet.

Für schnelle Entscheidungen sorgen

Bei trivialen Problemen, bei denen jeder mitreden kann, geht es immer auch um schnelle Erfolge: „Seht her, mir habt Ihr es zu verdanken, dass hier in der Küche jetzt ein Kaffeevollautomat steht.“ Vor diesem Hintergrund ist es durchaus ratsam, mit dem Auftraggeber im Vorfeld solche Trivialitäten zu besprechen und herauszuarbeiten, was wichtig ist und was nicht: Was ist nicht verhandelbar? Was fänden Sie nicht gut, würden es aber verkraften? Damit lassen sich mitunter auf Seiten der Teilnehmer schnelle Fahrradschuppen-Erfolge erzielen und die Gruppe kann sich wieder auf die vermeintlich wichtigen Dinge konzentrieren. Es geht aber auch genau andersherum. Per Hierarchie werden von oben so ganz basta-mäßig die „kleinen Probleme“ entschieden – dadurch wird der Raum für die großen Themen auch wieder frei, aber vielleicht leidet die Lust und die Motivation der anderen, sich daran noch zu beteiligen.

Bikeshedding

Fazit und Ermunterung

Die schönste Zusammenfassung über diese beiden berühmten Parkinson’schen Gesetze – die anfangs erwähnte Zeitineffizienz und die Flucht ins Triviale – habe ich in einem schon etwas älteren Guardian-Artikel gelesen:

„Taken together, Parkinson’s two laws amount to a wry but certainly not trivial warning: the work we do expands to fill the time available – and, half the time, it’s not even the most important work.“

Was sind Deine Bikeshedding-Erfahrungen? Was sind Deine schönsten Nebensächlichkeiten, die Du als Teilnehmer oder Moderator in Workshops erlebt hast? Und wie bist Du damit umgegangen? Ich finde es nach wie vor sehr schwer, hier den geeigneten Ansatz zu finden und verlasse mich auf meine Intuition, ob ich eher konfrontativ vorgehe oder verständnisvoll. Es wäre mir ein innerer Fahrradschuppen, Deine Anregungen und Beispiele zu hören.

 

Dirk Bathen

Dirk Bathen

Soziologe, Autor und Universaldilettant mit über 40 Jahren Lebens- und knapp 15 Jahren Berufserfahrung. Als selbstständiger Strategie- und Innovationsberater hilft er Unternehmen und Führungskräften seit 2012, Klarheit über Zukunftsfragen zu erlangen. Vorher war der Vater dreier Töchter Geschäftsführer im Hamburger Trendbüro und in der Marktforschung und Markenberatung tätig. Nebenbei schwärzt er alte Zeitungsartikel und veröffentlicht „Blackouts“ sowie zentrale Randnotizen und bunte Strohhalme zur Weltbewältigung auf seinem Blog mentalreserven.de.

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Soziologe, Autor und Universaldilettant mit über 40 Jahren Lebens- und knapp 15 Jahren Berufserfahrung. Als selbstständiger Strategie- und Innovationsberater hilft er Unternehmen und Führungskräften seit 2012, Klarheit über Zukunftsfragen zu erlangen. Vorher war der Vater dreier Töchter Geschäftsführer im Hamburger Trendbüro und in der Marktforschung und Markenberatung tätig. Nebenbei schwärzt er alte Zeitungsartikel und veröffentlicht „Blackouts“ sowie zentrale Randnotizen und bunte Strohhalme zur Weltbewältigung auf seinem Blog mentalreserven.de. www.bathenjelden.com www.dirkbathen.de Xing-Profil